20. Mai 2020

Marthe Trottnow und Johannes Friedrich / Über Kneipenkultur in Zeiten von Corona

Im Home Office bleibt vor allem das Zwischenmenschliche auf der Strecke: die kurze zufällige Begegnung auf dem Flur, der Plausch an der Kaffeemaschine oder das gemeinsame Feierabendbier auf der Dachterrasse. Damit es weiterhin einen Raum gibt, wo sich die GfGler*innen treffen und auch mal über etwas anderes als die Arbeit sprechen können, haben unsere Kolleg*innen Marthe und Johannes eine virtuelle Kneipe eröffnet.



Marthe und Johannes, seit Kurzem betreibt ihr die GfG Freitagskneipe, eine virtuelle Bar – wie seid ihr dazu gekommen?

Johannes: Da gab es mehrere Gründe. Zunächst mal haben wir es vermisst, zum Ausklang der Arbeitswoche Leute zu treffen und gemeinsam etwas trinken zu gehen. Außerdem haben viele Kolleg*innen beklagt, dass sie im Home Office den Austausch untereinander vermissen, vor allem die zufälligen Begegnungen und die persönlichen Gespräche, in denen es mal nicht um die Arbeit geht.

Marthe: Wir haben dann ein bisschen rumgesponnen, wie wir online für einen gemeinsamen Wochenausklang und lockeren Austausch sorgen können. Das ist ja gerade auch eine Zeit, in der man sehr gut mit Online-Tools herumexperimentieren und ihre Möglichkeiten und Grenzen ausloten kann. Dass wir das Ganze am Ende als Kneipe aufgezogen haben, liegt wohl auch daran, dass ich früher viele Jahre als Barkeeperin hinterm Tresen gearbeitet habe. Diese Art der Arbeit habe ich in der Agentur oft ein Stück weit vermisst.

Durch das Home Office ist man schon tagsüber oft in Videotelkos unterwegs, will man das wirklich auch noch am Feierabend?

Johannes: Das kann natürlich ermüdend sein, wenn man schon mehrere Videocalls hinter sich hat. Aber das Bedürfnis, sich auszutauschen, nicht nur über die Arbeit, ist ja trotzdem da. Oder der Wunsch, mal kurz zu hören, wie es den anderen geht.

Marthe: Außerdem gibt es bei uns nicht das klassische Videotelko-Setting. Vor unserem ersten Kneipenabend haben wir schon mittags Feierabend gemacht, um im GfG-Fotostudio ein möglichst cooles Kneipensetting zu bauen, inklusive Tresen. Das sah am Ende so sehr nach echter Kneipe aus, dass viele Kolleg*innen an ihren Rechnern zuhause erstmal nicht gemerkt haben, dass Johannes und ich in der GfG sind.

Erzählt mal kurz, wie läuft so ein virtueller Kneipenabend ab?

Johannes: Am ersten Abend haben wir noch relativ viel improvisiert und alle einfach ein bisschen erzählen lassen, wie es ihnen gerade geht. Beim nächsten Mal haben wir dann versucht, etwas mehr Struktur reinzubringen durch Moderationsfragen und ein paar Regeln für den Ablauf. Das nehmen wir aber nicht zu genau – am Ende geht’s darum, dass wir gemeinsam Spaß und eine gute Zeit haben.

Marthe: Insgesamt läuft es eher locker ab. Ein paar klinken sich zwischendurch auch mal aus, um was zu Essen zu besorgen, bei manchen geht mittendrin die Tür auf, und der Mann oder die Freundin gesellt sich dazu. Schön finden wir, wenn sich auch andere ein wenig was fürs Programm ausdenken. Zum Beispiel hat unser Kollege Ole neulich Schallplatten aus seinem Regal gezogen und alle anderen durften anhand der Cover die Alben erraten. Technisch probieren wir auch einiges aus: wie man es schaffen kann, die gleiche Hintergrundmusik für alle abzuspielen oder live aus einem VR-Game heraus den Abend zu moderieren.

Was ist euer Eindruck – trinken die Kolleg*innen mehr oder weniger als sonst?

Johannes: Also nach meinem Gefühl ist das Maß ganz gut – nicht übertrieben, aber auch kein Trübsalgeblase. Besonders beliebt sind Frangelico, Weißwein und Bier.

Marthe: Man soll bei uns übrigens wie in der richtigen Kneipe auch seine Getränke bezahlen. Wir suchen jedes Mal ein paar Aktionen in Bremen raus, für die man spenden kann, zum Beispiel United We Stream Bremen oder den Clubverstärker. So wird das Ganze auch ein bisschen zur Soli-Kneipe für alle, die gerade keine Gäste am Tresen haben dürfen.

Über welche Themen wird in am liebsten geredet?

Johannes: Die Themen sind ziemlich breit gefächert: Mal reden wir über Musik, mal über Essen, mal über Dinge, die man zuhause tut, um sich die Zeit zu vertreiben. Oft geht es um die Wohnungen bzw. Zimmer der Kolleg*innen, da wird dann nachgefragt, was bei denen im Hintergrund zu sehen ist. Natürlich dreht sich das Gespräch auch immer wieder darum, wie Leute mit der aktuellen Situation und den Einschränkungen umgehen. Wir versuchen aber, dass das nicht zu sehr ins Negative kippt. Wir wollen mit dem Format ja aufmuntern und ein positives gemeinsames Erlebnis schaffen.

Marthe: Manchmal geht es auch um rein theoretische Spinnereien, zum Beispiel, ob es möglicherweise einen Vampir im Kollegium gibt oder ob der Robo-Rasenmäher von Ole mit Wackelaugen niedlicher wäre – in Sachen Smalltalk oder Grundsatzdiskussionen unterschiedet sich die virtuelle Kneipe also nicht so sehr von der echten.

Fühlt sich Geselligkeit virtuell eigentlich anders an?

Johannes: Ja, schon. Manches fehlt einfach – alleine, dass ich dem anderen nicht durch den Kopf wuscheln kann, wenn er etwas Blödes sagt.

Marthe: Die zufälligen Begegnungen vermisse ich. Dass ich am nächsten Morgen aufwache und denke: Ach krass, den haben wir auch noch getroffen, den habe ich ja schon ewig nicht gesehen. Auch dass wir nicht durch mehrere Kneipen ziehen oder im Anschluss noch irgendwo tanzen gehen können.

Gibt es dafür vielleicht etwas, das die virtuelle Kneipe der herkömmlichen Eckkneipe voraushat?

Marthe: Eigentlich lässt sich das schwer vergleichen. Es sind zwei verschiedene Settings, die beide ihre Vor- und Nachteile haben. Das Schöne an der virtuellen Kneipe ist, dass man das Kollegium ganz neu kennenlernt. Vor allem Leute, die außerhalb wohnen, sind in der echten Kneipe seltener dabei. Ich verbringe also Zeit mit Menschen, die ich sonst eher weniger privat treffe. Trotz der Beschränkung auf einen kleinen Kreis kann ich also „neue“ Leute treffen.

Johannes: Es ist leichter, sich aufzuraffen. Ich muss nicht überlegen, ob ich noch aus dem Haus gehe oder durch die Stadt fahre. Die virtuelle Kneipe ist nur einen Mausklick entfernt. Und wenn man gehen will, ist man sofort zuhause.

 

Die GIFs im Beitrag stammen von unserer Kollegin Anika.

Für alle, die noch mehr darüber erfahren wollen, wie es dem GfG-Team in diesen speziellen Zeiten ergeht: Sechs Kolleg*innen berichten aus dem Home Office

 

 



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