Wenn der Einsatz nachwirkt: ein Trainingscenter für psychische Stärke

03. Dezember 2025

Gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst gestalten wir einen Ort, den es in dieser Region bisher nicht gibt: Einsatzkräfte trainieren dort den professionellen Umgang mit psychischen Belastungen im Blaulicht-Alltag. 

Für den Körper geht’s ins Fitnessstudio. Und für die Psyche?

Einsatzkräfte müssen funktionieren, auch unter großem Druck. Sie erleben Gewalt, Tod und andere Extremsituationen. Da braucht es nicht nur körperliche, sondern auch psychische Stärke.

Mit dem „Reflexiven Einsatztraining“ (RET) hat der ASB Bremen ein Programm ins Leben gerufen, das genau hier ansetzt: Es ergänzt die Ausbildung von Blaulichtberufen um ein Training für den professionellen Umgang mit belastenden Situationen – und schafft dafür erstmals ein eigenes Trainingscenter.

Einsatzwissen und Wissenschaft in einem Trainingskonzept vereint

Das Programm „Reflexives Einsatztraining“ (RET) wurde von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe mit über 25 Fachleuten aus dem Einsatzdienst und aus der Forschung entwickelt – inspiriert von Ansätzen der Polizeiakademie NRW und der niederländischen Polizei. Die Inhalte decken zentrale Belastungsthemen ab: Versagensängste, Gewalterfahrungen, schwere Unfälle, Tod und Trauer. Und die Frage: Wie gelingt es, sich davon zu erholen?

Unsere Aufgabe: Vermittlung im Raum

Wie können wir den Raum und die In-Szenesetzung der Themen zu einem passenden Rahmen für echte Auseinandersetzung machen? Schnell war klar: Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat zwischen objektiver Distanz und subjektiver Nähe. Einerseits möchten wir kein Lehrbucherlebnis schaffen, andererseits müssen wir die persönlichen (Schmerz-)Grenzen respektvoll beachten. Denn es geht um tiefgreifende Erlebnisse, die in diesem Training verhandelt werden.

Das GfG-Team arbeitet für das Trainingscenter mit einer Projektgruppe aus Blaulichtkräften zusammen.
Das Konzept wurde gemeinsam in mehreren Workshops erarbeitet.

Szenografie als Einladung zum Austausch

Hier wird trainiert! Mit dieser Haltung und Reduzierung auf das Wesentliche gestalten wir einen Rahmen, der Erlebnisse nicht abbildet, sondern die Auseinandersetzung mit persönlichen Erfahrungen anregt. In einer künstlerisch-abstrahierten Kulisse arbeiten wir mit Raumzitaten aus dem echten Leben. Monomaterialien, sichtbare Konstruktionen und Raumgrafik bilden abstrakte Bühnen für echte Erfahrungen.

„Mit den Mitteln der Szenografie schaffen wir abstrakte Orte, die Anlass für die Erinnerung an reale Erlebnisse geben. Dabei ist es uns wichtig, dass der Ein- wie auch der Ausstieg aus den Erinnerungen möglich ist. Die Teilnehmenden entscheiden selbst, wie sehr sie sich einlassen oder wo sie Distanz halten.“

Carsten Dempewolf, Projektleitung

Die Inhalte überfordern nicht, sondern setzen gezielte Reize, um die Moderator:innen des Trainings dabei zu unterstützen, mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Denn das Wesentliche passiert in den Köpfen. Und im Miteinander.

Ein Ort für Reflexion und Haltung

Grundlage für des Trainings bilden drei thematisch aufgebaute Reflexionsräume mit nachgestellten Einsatzorten und Exponaten. Zwei professionell geschulte Moderator:innen begleiten die Teilnehmenden.

Drei Themen stehen im Fokus: 

  • Mensch: Menschenwürde, Diversität, Vorurteile und Diskriminierung, Umgang mit fremden Lebenswelten
  • Gewalt und Extremsituationen: Machtmissbrauch, Fehlerkultur, Respektlosigkeit und Gewalt durch oder gegen Einsatzkräfte, Dilemma-Situationen, Überforderung
  • Sterben und Tod: Begleitung von Sterbenden und Angehörigen, Tod im Kollegenkreis, Trauerkultur

Jedes Thema steht szenografisch für sich und lässt bewusste Pausen, um das Erlebte gemeinsam zu reflektieren. Treffpunkte, Ruhe- und Gesprächszonen vervollständigen den Trainingsbereich mit Gelegenheit zur Reflexion – alleine oder im Team.

Eine Prüfung für den inneren Kompass

Neben Gefahrensituationen und traumatisierenden Erlebnissen spielen auch gesellschaftliche Konflikte und Diskriminierung eine Rolle: der Umgang mit Rassismus, sozialer Ungleichheit oder geschlechtsspezifischer Gewalt. 

Dabei geht es nicht nur ums Verarbeiten. Es geht auch um Haltung: Welcher Wertekompass wird mitgebracht. Wie muss dieser in einer demokratischen Gesellschaft immer wieder überprüft und vielleicht neu justiert werden?

Regeneration als Teil des Trainings

Nach den Reflexionsräumen folgt ein Regenerationsbereich, in dem die Teilnehmenden – psychologisch begleitet – ihre Erlebnisse verarbeiten. Den Abschluss bildet der Abschnitt „Positivierung“. Hier steht die Frage im Mittelpunkt: Was gibt Kraft? Ziel ist es, mentale Stärke neu zu aktivieren und Ideen mitzugeben, wie die eigene Resilienz gefestigt werden kann.

„Wir merken bereits bei der Entwicklung der Themen und Fragestellungen, wie groß der Redebedarf ist. Wenn Teilnehmende beginnen, im Team offen über Belastungen zu sprechen, können sie gemeinsam Ballast loswerden. Genau dafür braucht es diesen Ort.”

Katrin Johnsen, Redaktion

Wo wir gerade stehen

Das Konzept steht, die Entwurfs- und Ausführungsplanung sind fertig und die Leistungsverzeichnisse werden geschrieben. Jetzt müssen wir noch die geeigneten Gewerke zur Umsetzung finden, bevor dann im Mai 2026 montiert wird. Parallel dazu wird in Bremen-Lesum auf mehr als 400 Quadratmetern die Halle für das Training fertiggestellt. Das erste Training ist für den Sommer 2026 geplant.

Das Trainingscenter wird in Bremen-Lesum errichtet.
Im November 2025 wurde dafür der Grundstein gelegt.

Bis dahin: der RET-Teaser

Um die Zeit bis zum Start des Trainings sinnvoll zu nutzen, haben wir einen „RET-Teaser“ entwickelt: ein Workshopmodul, das die Themenbereiche aufgreift und überall durchgeführt werden kann. 

Der Teaser wurde bereits in mehreren Runden erfolgreich erprobt. Die Rückmeldungen zeigen: Viele Entscheidungen, die die RET-Projektgruppe aus Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst gemeinsam getroffen hat, waren genau richtig – etwa bei der Auswahl der Themen, die nah am echten Berufsalltag und immer mit konkreten Lernzielen verbunden sind.

Auch die Form funktioniert: Statt zu belehren oder emotional zu überfordern, bringt das Format wichtige Themen ins Bewusstsein und schafft Raum für Gespräche.

Auszeichnung bei „Helfende Hand 2025“

Am 1. Dezember wurde in Berlin der Förderpreis „Helfende Hand“ des Bundesinnenministeriums verliehen. Das Projekt „Reflexives Einsatztraining (RET)“ erhielt in der Kategorie „Innovative Konzepte“ den 4. Platz!

Mehr dazu auf der Seite der Hochschule für Öffentliche Verwaltung Bremen

Team GfG:

Carsten Dempewolf

Katrin Johnsen

Malte von Hörsten

Ausstellungsgestaltung
Maltes Profil anschauen

Asja Beckmann

Grafikdesign und Typografie
Asjas Profil anschauen

Johannes Friedrich

KI-Kreation und Animation
Johannes' Profil anschauen

Michel Iffländer


Das Projekt ist aus Mitteln des Bundes kofinanziert.