Zwei Frauen sitzen nebeneinander auf einer rosa Bank. Die Frau links hat kurzes schwarzes Haar und trägt ein schwarz kariertes Hemd. Die Frau rechts hat hellbraunes, nach hinten gebundenes Haar und trägt ein schwarzes T-Shirt. Beide schauen mit neutralem Gesichtsausdruck direkt in die Kamera. Der Hintergrund zeigt eine dunkle Tür.
Marthe Trottnow (links) und Maike Arnold aus dem Ausstellungsteam der GfG. Die beiden Haben sich die Projektleitung für die Hanna Stirnemann Lounge geteilt.

Maike Arnold und Marthe Trottnow / Über Vorreiterinnen, dekonstruierte Machtgefälle und lebendige Orte

18. September 2024

Wenn Maike Arnold und Marthe Trottnow eine Gestaltung als „mutig“ bezeichnen, dann weiß man, dieses Projekt sollte man sich genauer anschauen. Also haben wir die beiden zum Gespräch über die neue Hanna Stirnemann Lounge eingeladen. Unser Fazit: Ja, dieser Ort sticht heraus – auf eine gute Art.

Eingang zur 'Hanna Stirnemann Lounge', dekoriert mit einem Wandgemälde eines sitzenden, halbnackten Mannes. Der Raum ist durch eine Vorhang-Abtrennung geteilt, mit rosa Stühlen um einen langen Tisch und modernen Hängeleuchten. Im Hintergrund sitzt eine Person auf einer rosafarbenen Couch und arbeitet. Eine unscharf abgebildete Person geht an einem beleuchteten Tisch vorbei.
Die Hanna Stirnemann Lounge im Landesmuseum Oldenburg befindet sich im Erdgeschoss des Oldenburger Schlosses. Der Raum ist offen für alle und lädt zum Verweilen, Arbeiten und Beisammensein ein. Seine Namensgeberin Hanna Stirnemann war eine der ersten Museumsdirektorinnen Deutschlands, die den Begriff des „Lebendigen Museums“ geprägt und durch ihre Arbeit und Ausstellungen zum Thema „Neues Wohnen“ viele Bauhaus-Größen wie z.B. Wilhelm Wagenfeld inspiriert hat. Je mehr sie über Hanna Stirnemann erfuhren, desto krasser erschien es Maike und Marthe, dass Stirnemann heute in kaum einem Standardwerk der Museums- und Kunstgeschichte erwähnt wird und selbst unter Bauhaus-Nerds nahezu unbekannt ist.

Die Hanna Stirnemann Lounge ist eine Hommage an eine fast vergessene Frau – von der ihr ziemlich große Fans geworden seid.

Maike: Hanna Stirnemann war eine Pionierin in der Kunst- und Kulturszene. Sie war eine der ersten Frauen, die ein Museum geleitet hat, und sie hat sich unermüdlich für die Förderung moderner Kunst eingesetzt. Das Museum als lebendiger Ort war für sie genau wie für uns eine Herzensangelegenheit. Ihre Arbeit, ihre Vision und ihr Mut in einer Zeit, in der Frauen in Führungspositionen die Ausnahme waren, sind für uns unglaublich inspirierend!

Wie hat euch das bei der Gestaltung beeinflusst? 

Marthe: Wir wollten ihr Vermächtnis spürbar machen. Also nicht einfach ein Riesenbild von ihr aufhängen und ein Zitat an die Wand kleben, sondern eine Gestaltung finden, durch die ihr Wesen erlebbar wird. Die Hanna Stirnemann Lounge ist ein zeitgemäßen Raum für eine neue Museumsdemografie – für „lebende Menschen”.

Ein moderner, kreativ gestalteter Raum mit mehreren Menschen, die an einem Tisch arbeiten und mit einem Laptop beschäftigt sind. An der Wand im Hintergrund befinden sich bunte geometrische Formen in verschiedenen Farben und Größen. Eine Person interagiert mit diesen Formen an der Wand. Der Raum ist hell beleuchtet und verfügt über eine moderne, minimalistische Inneneinrichtung mit Hängeleuchten und farbenfrohen Sitzgelegenheiten.

Die Besuchenden sollen sich wohlfühlen und einen Zugang zu Museum und Kunst finden, der für sie sinnvoll ist. Und alle sollen sich in dem Raum begegnen können – denn, da sind wir uns sicher: Könnte man Hanna Stirnemann fragen, was sie heute interessieren würde, dann wären ihr Orte für Begegnungen immer noch sehr wichtig.

„Die Hanna Stirnemann Lounge ist ein zeitgemäßer Raum für eine neue Museumsdemografie“

Maike: Ich würde auch sagen, dass unsere grundsätzliche Art zu gestalten schon starke Parallelen zu Hanna Stirnemanns Wesen hat: die Offenheit für neue Ideen, das Streben nach einer Gestaltung, die Nutzer:innen in den Mittelpunkt setzt, und der Fokus auf Gemeinschaft und Kollaboration.

Eine Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und einem Pony, die in die Kamera lächelt. Sie trägt ein schwarz-weiß kariertes Hemd und eine goldene Halskette. Der Hintergrund ist dunkel und zeigt eine schlichte Tür, wodurch ihr Lächeln und ihre entspannte Ausstrahlung hervorgehoben werden.
Marthe Trottnow, Konzepterin und Designerin. Verantwortlich für die inhaltliche Konzeption der Hanna Stirnemann Lounge.
Eine Frau mit hellbraunem, hochgestecktem Haar steht vor einer dunkelblauen Wand und blickt lächelnd nach rechts, in Richtung eines Fensters. Sie trägt ein dunkelgraues Oberteil und wirkt entspannt und zufrieden. Das Licht von draußen betont ihr Gesicht und ihre Ausstrahlung.
Maike Arnold, Szenografin und Ausstellungsgestalterin. Verantwortlich für das Raumkonzept und die Bauleitung.

Wie genau finden wir das im Raum wieder?

Maike: Das Thema „Gemeinschaft“ findet sich in unserem zentralen Element im Raum: Der große Tisch ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen können. Für etwas privatere Gespräche kann man es sich auch hinter dem Vorhang auf dem Sofa gemütlich machen. Wir haben auch eine „Spielecke“, die auch als Kommunikationsort funktioniert. Die Bilder, die dort an der Magnetwand gestaltet werden, sind immer Gemeinschaftswerke. Jemand startet das Bild und jemand anderes ergänzt, erweitert oder modifiziert dann. Die Raumgestaltung steht also immer für Kommunikation und Kollaboration.

Ihr habt euch für eine relativ bunte Farbpalette entschieden.

Marthe: Zu den Farben hat uns Gabriele Münter inspiriert – eine Frau, die oft als Ehefrau von Kandinsky Erwähnung findet, aber leider nur selten als die innovative Künstlerin, die sie war. Sie hat ein tolles Porträt von Hanna Stirnemann gemalt, das im Landesmuseum zu sehen ist. Die wahnsinnig kraftvollen Farben haben uns total angesprochen und wir haben sie für die Lounge direkt vom Gemälde abgemustert.

Ein moderner, bunter Raum mit einer Vitrine in der Mitte, die ein Kunstwerk ausstellt. Um die Vitrine herum stehen bunte Stühle in Rot, Pink und Lila an einem großen Tisch. Die Wände sind mit farbigen geometrischen Formen dekoriert, und im Hintergrund sind moderne Hängeleuchten zu sehen. Der Raum hat eine Mischung aus roten und gelben Akzenten sowie eine Decke mit dekorativen Elementen, die den Raum hell und offen wirken lassen.
Ein schwarzes, modernes Tischlampenfuß steht auf einer rosa Oberfläche. Daneben liegt ein Smartphone auf einem kabellosen Ladepad, das mit einem Batteriesymbol gekennzeichnet ist. Das Smartphone befindet sich leicht schräg auf dem Ladepad, und die Oberfläche reflektiert sanft das Licht der Lampe.
Eine Nahaufnahme von farbigen geometrischen Formen, die an einer Wand angebracht sind. Zu den Formen gehören Halbkreise, Dreiecke, Rechtecke und Quadrate in den Farben Rot, Blau, Gelb, Rosa und Schwarz. Die Texturen der Formen variieren und scheinen teils aus Stoff zu bestehen, was dem Design eine haptische Dimension verleiht.
Eine Person sitzt auf einer rosa Couch und liest ein Buch. Die Couch steht an einer Wand mit schwarzen Türen, und durch das große Fenster im Hintergrund fällt natürliches Licht in den Raum. Vor der Couch steht ein kleiner schwarzer Tisch, und eine schwarze Lampe beleuchtet die Szene.

Ihr wolltet bei der Umsetzung möglichst viele weibliche Handwerkerinnen an eurer Seite haben. Warum war euch das wichtig?

Maike: Damit wollten wir ganz bewusst die Arbeit von Hanna Stirnemann fortsetzen, die sich sehr dafür eingesetzt hat, dass Frauen beruflich gefördert werden und in Positionen gelangen, die normalerweise Männern vorbehalten sind.

Marthe: In der Gestaltung und im Handwerk sind weiblich gelesene Personen auch im Jahr 2024 noch unterrepräsentiert oder werden in bestimmte Bereiche gedrängt – das ist in der Recherche zu diesem Projekt immer deutlicher geworden. Leuchtendesignerinnen finden trotz gefragter Entwürfe keine Produktionsfirmen, weibliche Auszubildende haben in ihren Betrieben keine Umkleidemöglichkeiten, Meisterinnen müssen ihre Werkstätten aufgeben, weil sich Selbstständigkeit und Familie nicht vereinbaren lassen, und das sind nur ein paar Beispiele. 

„Wir möchten andere inspirieren, die Bedeutung der Geschlechtervielfalt für ihre Projekte und Teams zu erkennen“

Maike: Wir möchten durch unser Handeln ein Zeichen setzen und andere inspirieren, die Bedeutung der Geschlechtervielfalt für ihre Projekte und Teams zu erkennen. Wenn wir Frauen in allen Bereichen ermutigen, ihre Fähigkeiten und Talente einzubringen, ist das ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer inklusiven Arbeitswelt – und damit auch zu kreativen und besseren Lösungen und Produkten.

Das Oldenburger Schloss ist ein absolut altehrwürdiger und prunkvoller Ort – wie passt das mit der modernen Gestaltung der Hanna Stirnemann Lounge zusammen?

Maike: Orte wie das Oldenburger Schloss sprechen eine ganz eigene Sprache, der man sich entweder unterordnet oder deutlich etwas entgegensetzt. Wir haben den letzteren Weg gewählt, um dem Raum und seiner Namensgeberin Aufmerksamkeit zu verschaffen. 

Ein moderner Sitzbereich mit einer rosa Bank, die vor einer großen schwarzen Tür steht. Über der Bank befinden sich zwei minimalistische Regale, auf denen ein Buch und ein gerahmter Text stehen. Eine schwarze Lampe hängt von der Decke und beleuchtet den Bereich. Ein kleiner, runder schwarzer Tisch steht vor der Bank, und auf der rosa Ablagefläche neben der Bank liegt ein Smartphone.
Nahaufnahme von bunten Stühlen in Rot und Rosa, die um einen großen Tisch mit einer Glasplatte angeordnet sind. Der Boden ist mit einem Teppich in geometrischen Mustern in Blau, Rosa und Grau bedeckt, was dem Raum eine lebhafte Atmosphäre verleiht.

Marthe: Früher waren diese Prunkbauten ein Symbol von Macht und Überlegenheit. Wenn wir sie in Zukunft für alle Menschen öffnen wollen, dann müssen wir zeigen, dass wir dieses Machtgefälle dekonstruieren können. Das Museum hat sich bewusst dazu entschieden, einen Kontrapunkt zum Schloss zu setzen. Die Botschaft ist: Wir bewegen uns! 

Habt ihr ein Lieblingsstück?

Marthe: Für mich ist es das Center-Piece: unsere lange Tafel. Sie ist ein Symbol für das, was das Museum heute alles leisten muss. Ich habe folgendes Bild im Kopf: Es ist Mittagszeit, am Tisch sitzen Museumsgäste und trinken eine Tasse Kaffee, bevor ihre Führung losgeht, daneben eine Studentin, die am Laptop recherchiert, und daneben essen die Kuratorinnen gemeinsam Mittag und planen die nächste Ausstellung. Auch das Objekt des Monats sitzt mit am Tisch. Die Vitrine dafür ist auf Augenhöhe und lädt zum Plaudern und Rätseln ein.

Eine Gruppe von vier Personen sitzt an einem Tisch und schaut sich ein offenes Buch an. Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren steht und zeigt auf eine Seite des Buches, während die anderen aufmerksam zuhören. Ein Laptop steht auf dem Tisch, und im Hintergrund ist ein Plakat mit der Aufschrift 'Hanna Stirnemann Lounge' sowie eine rote Wand zu sehen.
Hier kommt Neues und Altes zusammen: In den von Maike entworfenen Tisch ist ein historisches Wandpaneel eingelassen, ausgesucht vom Museumsteam. Da die Lounge für die Mitarbeitenden des Museums eine Art Wohnzimmer werden soll, war es Maike und Marthe wichtig, dass das Team auch selbst etwas dazu beitragen kann.
Eine Büste aus Terrakotta, die den Kopf eines jungen Mädchens darstellt, wird in einer gläsernen Vitrine ausgestellt. Die Skulptur hat geflochtenes Haar und einen ruhigen Gesichtsausdruck. Daneben steht eine Beschilderung mit dem Titel 'Mädchenkopf - Leni'. Im Hintergrund sind verschwommen Bücherregale und gelbe Wände zu erkennen.
Eine Person sitzt in einer gemütlichen Fensterbank mit einem Laptop auf dem Schoß. Die Fensterbank ist in Blau und Rot gehalten und befindet sich in einem modern gestalteten Raum mit gelben Wänden. Rechts im Bild befinden sich farbige Wandregale mit verschiedenen Büchern. Durch das große Fenster im Hintergrund ist eine parkähnliche Landschaft mit Bäumen zu sehen, die den Raum mit Tageslicht erhellt.

Maike: Ich war schon immer ein großer Fan davon, in Fenstern zu sitzen. Das alte Gemäuer des Oldenburger Schlosses mit seinen starken Wänden hat es möglich gemacht, einen gemütlichen Ort in einem der Fenster zu schaffen, wo man die Blicke und Gedanken schweifen lassen kann. Gleichzeitig hat das den tollen Nebeneffekt, dass Passant:innen mitbekommen, dass sich etwas im Museum tut.

Das Interview führte Ninja Hofmann.