
Maike Arnold und Marthe Trottnow / Über Vorreiterinnen, dekonstruierte Machtgefälle und lebendige Orte
Wenn Maike Arnold und Marthe Trottnow eine Gestaltung als „mutig“ bezeichnen, dann weiß man, dieses Projekt sollte man sich genauer anschauen. Also haben wir die beiden zum Gespräch über die neue Hanna Stirnemann Lounge eingeladen. Unser Fazit: Ja, dieser Ort sticht heraus – auf eine gute Art.

Die Hanna Stirnemann Lounge ist eine Hommage an eine fast vergessene Frau – von der ihr ziemlich große Fans geworden seid.
Maike: Hanna Stirnemann war eine Pionierin in der Kunst- und Kulturszene. Sie war eine der ersten Frauen, die ein Museum geleitet hat, und sie hat sich unermüdlich für die Förderung moderner Kunst eingesetzt. Das Museum als lebendiger Ort war für sie genau wie für uns eine Herzensangelegenheit. Ihre Arbeit, ihre Vision und ihr Mut in einer Zeit, in der Frauen in Führungspositionen die Ausnahme waren, sind für uns unglaublich inspirierend!
Wie hat euch das bei der Gestaltung beeinflusst?
Marthe: Wir wollten ihr Vermächtnis spürbar machen. Also nicht einfach ein Riesenbild von ihr aufhängen und ein Zitat an die Wand kleben, sondern eine Gestaltung finden, durch die ihr Wesen erlebbar wird. Die Hanna Stirnemann Lounge ist ein zeitgemäßen Raum für eine neue Museumsdemografie – für „lebende Menschen”.

Die Besuchenden sollen sich wohlfühlen und einen Zugang zu Museum und Kunst finden, der für sie sinnvoll ist. Und alle sollen sich in dem Raum begegnen können – denn, da sind wir uns sicher: Könnte man Hanna Stirnemann fragen, was sie heute interessieren würde, dann wären ihr Orte für Begegnungen immer noch sehr wichtig.
„Die Hanna Stirnemann Lounge ist ein zeitgemäßer Raum für eine neue Museumsdemografie“
Maike: Ich würde auch sagen, dass unsere grundsätzliche Art zu gestalten schon starke Parallelen zu Hanna Stirnemanns Wesen hat: die Offenheit für neue Ideen, das Streben nach einer Gestaltung, die Nutzer:innen in den Mittelpunkt setzt, und der Fokus auf Gemeinschaft und Kollaboration.


Wie genau finden wir das im Raum wieder?
Maike: Das Thema „Gemeinschaft“ findet sich in unserem zentralen Element im Raum: Der große Tisch ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen können. Für etwas privatere Gespräche kann man es sich auch hinter dem Vorhang auf dem Sofa gemütlich machen. Wir haben auch eine „Spielecke“, die auch als Kommunikationsort funktioniert. Die Bilder, die dort an der Magnetwand gestaltet werden, sind immer Gemeinschaftswerke. Jemand startet das Bild und jemand anderes ergänzt, erweitert oder modifiziert dann. Die Raumgestaltung steht also immer für Kommunikation und Kollaboration.
Ihr habt euch für eine relativ bunte Farbpalette entschieden.
Marthe: Zu den Farben hat uns Gabriele Münter inspiriert – eine Frau, die oft als Ehefrau von Kandinsky Erwähnung findet, aber leider nur selten als die innovative Künstlerin, die sie war. Sie hat ein tolles Porträt von Hanna Stirnemann gemalt, das im Landesmuseum zu sehen ist. Die wahnsinnig kraftvollen Farben haben uns total angesprochen und wir haben sie für die Lounge direkt vom Gemälde abgemustert.




Ihr wolltet bei der Umsetzung möglichst viele weibliche Handwerkerinnen an eurer Seite haben. Warum war euch das wichtig?
Maike: Damit wollten wir ganz bewusst die Arbeit von Hanna Stirnemann fortsetzen, die sich sehr dafür eingesetzt hat, dass Frauen beruflich gefördert werden und in Positionen gelangen, die normalerweise Männern vorbehalten sind.
Marthe: In der Gestaltung und im Handwerk sind weiblich gelesene Personen auch im Jahr 2024 noch unterrepräsentiert oder werden in bestimmte Bereiche gedrängt – das ist in der Recherche zu diesem Projekt immer deutlicher geworden. Leuchtendesignerinnen finden trotz gefragter Entwürfe keine Produktionsfirmen, weibliche Auszubildende haben in ihren Betrieben keine Umkleidemöglichkeiten, Meisterinnen müssen ihre Werkstätten aufgeben, weil sich Selbstständigkeit und Familie nicht vereinbaren lassen, und das sind nur ein paar Beispiele.
„Wir möchten andere inspirieren, die Bedeutung der Geschlechtervielfalt für ihre Projekte und Teams zu erkennen“
Maike: Wir möchten durch unser Handeln ein Zeichen setzen und andere inspirieren, die Bedeutung der Geschlechtervielfalt für ihre Projekte und Teams zu erkennen. Wenn wir Frauen in allen Bereichen ermutigen, ihre Fähigkeiten und Talente einzubringen, ist das ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer inklusiven Arbeitswelt – und damit auch zu kreativen und besseren Lösungen und Produkten.
Das Oldenburger Schloss ist ein absolut altehrwürdiger und prunkvoller Ort – wie passt das mit der modernen Gestaltung der Hanna Stirnemann Lounge zusammen?
Maike: Orte wie das Oldenburger Schloss sprechen eine ganz eigene Sprache, der man sich entweder unterordnet oder deutlich etwas entgegensetzt. Wir haben den letzteren Weg gewählt, um dem Raum und seiner Namensgeberin Aufmerksamkeit zu verschaffen.


Marthe: Früher waren diese Prunkbauten ein Symbol von Macht und Überlegenheit. Wenn wir sie in Zukunft für alle Menschen öffnen wollen, dann müssen wir zeigen, dass wir dieses Machtgefälle dekonstruieren können. Das Museum hat sich bewusst dazu entschieden, einen Kontrapunkt zum Schloss zu setzen. Die Botschaft ist: Wir bewegen uns!
Habt ihr ein Lieblingsstück?
Marthe: Für mich ist es das Center-Piece: unsere lange Tafel. Sie ist ein Symbol für das, was das Museum heute alles leisten muss. Ich habe folgendes Bild im Kopf: Es ist Mittagszeit, am Tisch sitzen Museumsgäste und trinken eine Tasse Kaffee, bevor ihre Führung losgeht, daneben eine Studentin, die am Laptop recherchiert, und daneben essen die Kuratorinnen gemeinsam Mittag und planen die nächste Ausstellung. Auch das Objekt des Monats sitzt mit am Tisch. Die Vitrine dafür ist auf Augenhöhe und lädt zum Plaudern und Rätseln ein.



Maike: Ich war schon immer ein großer Fan davon, in Fenstern zu sitzen. Das alte Gemäuer des Oldenburger Schlosses mit seinen starken Wänden hat es möglich gemacht, einen gemütlichen Ort in einem der Fenster zu schaffen, wo man die Blicke und Gedanken schweifen lassen kann. Gleichzeitig hat das den tollen Nebeneffekt, dass Passant:innen mitbekommen, dass sich etwas im Museum tut.
Das Interview führte Ninja Hofmann.