Kurator Virgil Guggenberger (l.) und GfG-Designerin Marthe Trottnow.

19. April 2022

Marthe Trottnow und Virgil Guggenberger / Über die Mitmachausstellung „Von hier nach dort – Unterwegs mit Kompass und Navi!“

Wie haben wir eigentlich navigiert, bevor es Apps gab, und warum ist dieses Wissen heute noch cool? Designerin Marthe Trottnow und Kurator Virgil Guggenberger verraten uns, wie sie in der Mitmachausstellung „Von hier nach dort – Unterwegs mit Kompass und Navi!“ das Thema Navigation kindgerecht verpackt haben. Bis September 2022 kann die Ausstellung im Focke-Museum Bremen erlebt werden.



Hallo Marthe und Virgil. Ihr habt die vergangenen Monate sehr viel Zeit in die Ausstellung „Von hier nach dort – Unterwegs mit Kompass und Navi!“ gesteckt – seid ihr beide inzwischen echte Navigationsprofis?

Virgil: Also für echte Profis fehlt uns wahrscheinlich die jahrzehntelange Erfahrung als Segler:innen auf den Meeren dieser Welt. Aber ich denke, dass wir beide von uns sagen können, dass wir mittlerweile ein stark erweitertes Verständnis für das Thema Navigation haben. Dafür, wie unglaublich detailreich es ist und wie wahnsinnig man sich in diesen Details verlaufen kann. Und dafür, dass es gar nicht so leicht ist, die Grundfragen der Navigation zu stellen.

Die Ausstellung richtet sich an Kinder von 8 bis 12 Jahren. Was ist für diese Altersgruppe an dem Thema spannend?

Virgil: Was ich spannend finde, ist zu begreifen, dass etwas scheinbar so Abstraktes unmittelbar mit unserem Alltag zu tun hat. Wenn du ein GPS zur Hilfe nimmst, ist das, was da passiert, ja abstrakt. Du kannst dich aber in deiner Umgebung auch völlig anders orientieren, wenn du zum Beispiel weißt, dass die Sonne im Osten aufgeht und im Westen untergeht und du so aus dem Stand der Sonne die Himmelsrichtungen ablesen kannst. Und wir Menschen haben auch eine Art Kompass im Kopf, unser Innenohr. Ähnlich wie ein Kompass, kann es uns die Richtung weisen. Wenn wir z.B. die Augen zumachen und den Kopf drehen, dann wissen wir immer noch, wo wir ursprünglich hingeschaut haben. Ähnlich die Kompassnadel, die immer nach Norden zeigt. Es gibt zahlreiche solcher Beispiele, wie das Thema der Ausstellung mit dem eigenen Erleben zu tun hat.

„Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Thema Navigation überall in unserem Alltag auftaucht“

Uns geht es nicht darum, das Thema Navigation erschöpfend zu beantworten oder dass die Kinder als perfekte Navigatoren rausgehen und ihren Eltern den Sextanten erklären können. Es geht uns darum, Dinge auszuprobieren, Neues kennenzulernen, das Thema aufzumachen und das Bewusstsein dafür im Alltag zu wecken.

Marthe: Das ist es auch, was mich an dem Grundkonzept von Anfang überzeugt hat: Es geht eben nicht nur um Technik oder um Ingenieurskunst oder um Physik, sondern darum, dass man ein Gefühl dafür bekommt, was das eigentlich für ein Kontext ist und dass dieser überall auftaucht. Das macht eine gute Themensetzung aus, dass man Fragen findet, die alle betreffen.

Wenn man für Kinder und Jugendliche konzipiert – muss man da besonders vorgehen?

Marthe: Ganz wichtig finde ich, dass wir sie nicht unterschätzen. Wir nehmen sie ernst und begegnen ihnen auf Augenhöhe. Und gleichzeitig versuchen wir, unser eigenes inneres Kind und unseren Spieltrieb wieder hervorzuholen und herauszufinden: Was an dem Thema begeistert, was daran macht Spaß?

„Wir nehmen die Kinder und Jugendlichen ernst und begegnen ihnen auf Augenhöhe“

Virgil: Wichtig ist auch, dass man erstmal einen Schritt zurücktritt und einfach dieses ganze Wissen, das man selbst schon hat oder zu haben glaubt, abschüttelt und nochmal die Frage stellt: Wovon reden wir hier eigentlich? Um welche Grundfragen geht es?

Wie zeigt sich das in eurem Vermittlungsansatz?

Virgil: Wir haben vier Kernfragen entwickelt, die im Zentrum der Ausstellung stehen: Wo bin ich? Wo ist mein Ziel? Wie komme ich zum Ziel? Wie beschreibe ich den Weg dorthin? Auf dem Weg durch die Ausstellung erfahre ich, welche Möglichkeiten die Menschen bis heute entwickelt haben, um diese Fragen zu beantworten. Dafür arbeiten wir mit einem Mix aus interaktiven Stationen und historischen Objekten.

Marthe: Es gibt verschiedene Aufgaben und Rätsel, ein bisschen wie bei einer Schnitzeljagd. Beim Lösen der Aufgaben helfen unsere Navigationsprofis: sieben verschiedene Charaktere im Comic-Stil, die Dinge erklären und Tipps geben. Jeder Charakter hat eine besondere Fähigkeit, die fürs Navigieren nützlich ist. Keine Superkräfte, wie man sie etwa aus Marvel Comics kennt, sondern Fähigkeiten, die in der Regel auch die Kids erlernen können.

Beschreibt den Aufbau der Ausstellung doch mal grob.

Marthe: Zu Beginn der Ausstellung bekomme ich einen Navigationspass, auf dem sich am Ende, wenn alle Etappen gemeistert wurden, ein Lösungswort zusammenfügt. Die Ausstellungsreise unterteilt sich in sechs Etappen, und pro Etappe gibt es zwei Elemente: Zum einen eine Mitmachstation, an der ich direkt selbst loslegen und ausprobieren kann. Und zum anderen eine große Wimmelwand mit historischen Exponaten und mit Objekten zum Anfassen. Um ein bisschen Bewegung reinzubringen, beziehen sich die Mitmachstation und die Wimmelwand oft aufeinander und ich muss zwischen den beiden hin- und herwechseln, um alles machen und lösen zu können.

Wie sieht so eine Mitmachstation aus – was kann ich ausprobieren?

Virgil: Besonders mag ich die Station, an der die Kinder Karten zeichnen können, entweder eine ganz eigene Karte oder mit Vorlagen zum Abpausen, das ist eine kreative und andererseits auch sehr kontemplative Tätigkeit. Oder die Kompass-Station, an der es eine Spielgeschichte mit einem der Charaktere gibt, unserem Storch: Der hat es satt, wie jedes Jahr immer die gleiche Route nach Süden zu fliegen, er möchte mal was anderes sehen. Die Kinder dürfen ihm ein neues Reiseziel heraussuchen und dann mit einem Kompass die Flugrichtung bestimmen.

„Sextanten sind in Museen meist historische Objekte, nie darf man einen anfassen. Bei uns schon.“

Marthe: Das Schöne ist, dass wir unterschiedlich schwere Spiele haben. Es gibt kleinere Interaktionen, da muss ich einfach einen Gegenstand bewegen oder hochheben, um an einen Tipp zu kommen. Auch beim Kompass-Spiel mit dem Storch haben die meisten das Prinzip schnell begriffen, und dann macht es Spaß, Pfeile hin- und herzudrehen. Etwas kniffliger ist zum Beispiel die Station unserer Weltumseglerin: Die ist mit ihrer kleinen Segelyacht auf dem Meer unterwegs und der Standort des GPS fällt aus – wie kann ich ihr jetzt helfen? Ich habe dann unter anderem die Möglichkeit, einen echten Sextanten zu benutzen und zu lernen, wie der funktioniert. Das ist schon cool, weil Sextanten sieht man oft als historische Objekte in Museen, aber nie darf man einen anfassen. Bei uns schon.

Welche Erkenntnisse können die Kinder und auch die erwachsenen Besucher:innen für ihren Alltag mitnehmen?

Marthe: Der erste Impuls beim Thema Navigieren ist ja für uns alle oft: Oh Gott, ich habe keine Ahnung davon, ich kann das nicht ohne Google Maps. Wenn man in der Ausstellung ist, macht man aber die Erfahrung, dass uns das Thema eigentlich immer umgibt und wir oft unbewusst am Navigieren sind. Dadurch fühlt man sich zum einen nicht mehr so blöd und zum anderen bewegt man sich dann künftig oft mit einem anderen Fokus durch die Welt. Ich denke, eine gute Ausstellung ist es auch dann, wenn ich mit mehr Fragen rausgehe als ich reingegangen bin. Wenn ich danach Bock habe, mich weiter in die Themen zu vertiefen.

„Es freut uns, wenn sie Tricks aus der Ausstellung auch im Alltag nutzen können“

Virgil: Das sehe ich genauso: Es ist toll, wenn die Besucher:innen rausgehen und sich sagen: „Das ist echt ein spannendes Thema und das waren gute Anregungen. Jetzt will ich noch mehr dazu wissen.“ Und natürlich freut es uns, wenn sie einige der Tricks aus der Ausstellung künftig auch in ihrem Alltag benutzen.

Für Besucher:innen, die sich weiter mit dem Thema beschäftigen wollen, gibt es ein Begleitangebot.

Virgil: Wir haben eine Microsite entwickelt, auf der wir zusätzlich nochmal Themen aufs Tableau bringen, die wir in der Ausstellung wegen der Fülle der unterschiedlichen Themen nicht auch noch zeigen konnten. Die Inhalte sind für Kinder und Familien, aber auch für Lehrende und den Unterricht an Schulen. Da gibt es zum Beispiel Anleitungen für Experimente, zum Basteln oder Spielen. Damit man auch zuhause mit Freunden und der Familie oder in der Schule nochmal Dinge selbst ausprobieren und neue Kniffe lernen kann.

Marthe: Außerdem treffe ich auf der Microsite die Charaktere aus der Ausstellung wieder. Dass sie mir auch hier zur Seite stehen und bei den Aufgaben helfen, gibt der Microsite noch mal einen zusätzlichen Reiz.

Die Ausstellung „Von hier nach dort – Unterwegs mit Kompass und Navi!“ ist noch bis zum 25. September 2022 im Focke-Museum Bremen zu sehen. Danach wird sie im Altonaer Museum in Hamburg (ab Oktober 2022), im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven (ab Juli 2023) und schließlich im Europäischen Hanse Museum in Lübeck (ab März 2024) gezeigt.

Die begleitende Microsite ist abrufbar unter: https://vonhiernachdort.online/

Virgil Guggenberger arbeitet seit 15 Jahren als Kurator und Projektmanager im Ausstellungsbereich, sein Spezialgebiet sind Kinderausstellungen. Er hat das Konzept für die Ausstellung „Von hier nach dort – Unterwegs mit Kompass und Navi!“ entwickelt.

 

Marthe Trottnow ist Konzepterin und Designerin bei der GfG. Gemeinsam mit dem GfG-Ausstellungsteam war sie für die Übersetzung des Ausstellungskonzepts in den Raum, die Entwicklung der Exponate und die Ausstellungsgrafik verantwortlich.



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