© Dr. Andreas Neuwöhner

Wanderausstellung in Ostwestfalen-Lippe

Die.Ihr.Wir. – Geschichten, die uns verbinden

Eine italienische Eisdiele. Eine Wohnbaracke aus der Nachkriegszeit. Ein Zimmer in einer Geflüchtetenunterkunft. Was zunächst wie ein Spaziergang durch ganz unterschiedliche Lebenswelten wirkt, sind Stationen einer gemeinsamen Geschichte: der Migrationsgeschichte Ostwestfalen-Lippes.

Die Wanderausstellung „Die.Ihr.Wir. – Zuwandern und Zusammenleben in Ostwestfalen-Lippe nach 1945“ erzählt diese Geschichte anhand persönlicher Erinnerungen, historischer Objekte und zehn Interviews mit Zeitzeug:innen. Sie führt von den Erfahrungen der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Dafür haben sich erstmals vier Museen aus der Region zusammengeschlossen:

  • Stadtmuseum Paderborn
  • Mindener Museum
  • Kreismuseum Wewelsburg
  • Historisches Museum Bielefeld

Für das gemeinsame Projekt haben wir das Ausstellungskonzept entwickelt. „Der Titel ‚Die.Ihr.Wir‘ beschreibt, wie sich unser Blick auf andere Menschen verändern kann. Wenn wir ihre Geschichten kennenlernen, wird aus anfänglicher Distanz Nähe. Aus einem vermeintlichen ‚Die‘ kann so ein gemeinsames ‚Wir‘ werden“, erklärt Marthe Trottnow, GfG-Konzepterin und -Designerin.

Geschichten brauchen eine Bühne

Bevor die Besuchenden in die Geschichten eintauchen, führt sie ein Intro-Tunnel in das Thema ein. Zitate aus den sechs Ausstellungskapiteln begleiten den Weg, greifen Vorurteile auf und stellen emotionale Fragen, die zum Nachdenken anregen.

Dahinter öffnen sich sechs Themenräume im Stil einer Graphic Novel. Eine italienische Eisdiele, eine Wohnbaracke aus der Nachkriegszeit oder ein Zimmer in einer Geflüchtetenunterkunft werden zu Schauplätzen persönlicher Lebensgeschichten. Die illustrierten Räume bilden den Hintergrund für zehn Interviews mit Zeitzeug:innen, die von Verlusten und Neuanfängen, aber auch von alltäglichen Begegnungen, Hoffnungen und dem Gefühl, angekommen zu sein, erzählen. Die Besuchenden können mittendrin Platz nehmen.

© Dr. Andreas Neuwöhner
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© Dr. Andreas Neuwöhner

Zwischen Erinnerung und Wirklichkeit

Die Illustrationen schaffen die Kulisse für die erzählten Lebenswelten. Wie gezeichnete Erinnerungsbilder legen sie sich über die Räume. Dazwischen treten historische Objekte und persönliche Erinnerungsstücke hervor: eine Puppe aus Kindertagen, originale Stühle aus einer Eisdiele oder ein aufbewahrtes Hochzeitskleid. Sie holen die Erzählungen aus der gezeichneten Welt in die Gegenwart und machen persönliche Erinnerungen anhand konkreter Gegenstände greifbar. Auch die Zeitzeug:innen selbst sind mit fotografischen Porträts in der Ausstellung präsent und geben den Geschichten ein Gesicht.

Eine Ausstellung zum Mitmachen

Was bedeutet Heimat für dich? Wo liegen die Wurzeln deiner Familie? Und welche Erinnerungen verbindest du mit dem Gefühl, angekommen zu sein?

Im sechsten Kapitel „Vom ‚Die‘ zum ‚Wir‘“ werden die Besuchenden selbst Teil der Ausstellung. Auf einer Weltkarte markieren sie die Herkunftsorte ihrer Familien. In einem gemeinsamen Kochbuch sammeln sie Rezepte, die für sie mit Heimat verbunden sind. An einer symbolischen Tür können sie Postkarten mit Antworten auf Fragen wie „Was bedeutet Heimat für dich?“ oder „Wann fühlst du dich zu Hause?“ hinterlassen.

So wird die Ausstellung durch die persönlichen Beiträge der Besuchenden um weitere Perspektiven und Erfahrungen ergänzt.

Gestaltung, die mitwandert

Vier Museen, vier unterschiedliche Gebäude und Grundrisse und eine Ausstellung, die an allen Orten funktionieren soll. „Damit das gelingt, haben wir das Gestaltungssystem von Anfang an flexibel und modular gedacht. Die szenischen Elemente schaffen abgeschlossene Erlebnisräume, lassen sich aber immer wieder an die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten anpassen“, sagt Marthe.

Auch bei den Materialien stand die Weiterverwendung im Mittelpunkt: Für die unkompliziert auf- und abbaubaren Module wurde überwiegend Karton eingesetzt. Die Vitrinen stammen größtenteils aus den vorhandenen Beständen der Museen. Und ein bedruckter, recyclingfähiger Papierboden ergänzt die Gestaltung und ersetzt herkömmliche Vinylbeläge.

Die visuelle Gestaltung verbindet die einzelnen Stationen zu einem gemeinsamen Ausstellungserlebnis. Illustrationen und eine handschriftlich anmutende Typografie prägen den Auftritt. Für die zweisprachigen Ausstellungstexte in Deutsch und Englisch kommt außerdem die Schrift OpenDyslexic zum Einsatz, die speziell für Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten entwickelt wurde.
 

Gemeinsam Geschichte sichtbar machen

Wie viel eine Ausstellung bewegen kann, zeigte sich bereits bei ihrer Eröffnung in Paderborn. Persönliche Geschichten, bewegende Redebeiträge und Musik machten den Abend zu mehr als einem offiziellen Auftakt.

„Besonders berührt haben mich die Geschichten von Nguyen Rodehutskors über ihre Flucht aus Vietnam und von Recap Alpan im Gespräch mit Dr. Andreas Neuwöhner. Ein besonderer Moment war auch, als Pianist Aeham Ahmad den ganzen Rathaussaal dazu brachte, gemeinsam ‚Die Gedanken sind frei‘ zu singen. Und Bürgermeisterin Sabine Kramm griff den Ausstellungstitel auf und rief dazu auf, vom ‚Die‘ zum ‚Wir‘ zu finden“, erzählt Marthe Trottnow und ergänzt: „Auch nach dem offiziellen Teil blieben die Menschen in den Ausstellungsräumen, tauschten Erinnerungen aus und kamen miteinander ins Gespräch.“

An vier Stationen und mit einem vielfältigen Begleitprogramm lädt die Wanderausstellung dazu ein, Geschichten zu entdecken und neue Begegnungen zu ermöglichen. Denn manchmal braucht es nur eine Geschichte, um den Blick auf einen anderen Menschen zu verändern. Und manchmal beginnt genau dort das Wir.

Eröffnung in Paderborn (v. l. n. r.): xxxxxxxxxxxx Marthe Trottnow (GfG), Maren Weinberg (GfG)