Illustration einer Person beim Animieren einer Kastanienfigur mit Kabeln und Werkzeug.

Character Lab

Wie viel Charakter braucht KI?

Mit dieser Frage sind Marthe, Flo und Nils zur Ars Electronica nach Linz gefahren. In ihrem Character Lab haben sie gemeinsam mit Festivalbesucher:innen digitale Companions entworfen und zum Sprechen gebracht. Dabei zeigte sich: Mit einem eigens dafür entwickelten Tool lässt sich aus einer Idee schnell ein erster dialogfähiger Prototyp entwickeln. Ihm eine eigene Persönlichkeit zu geben, ist schon etwas schwieriger.

Erstmal ohne KI

Bei einem Festival wie der Ars Electronica könnte ein digitaler Begleiter ziemlich nützlich sein. Das Programm ist riesig und jede:r kommt mit anderen Erwartungen. Bevor es im Character Lab also um KI ging, ging es erstmal um die Besucher:innen: Wie erleben sie das Festival? Was fehlt ihnen? Und was sollte ein Companion tun oder auch lieber lassen?

Dabei kam etwas Interessantes heraus: Ein guter Companion darf offenbar auch mal unbequem sein.

„Viele wünschen sich eher, herausgefordert zu werden, statt umsorgt“, hat Marthe beobachtet. „Sie wollen neue Menschen kennenlernen und sich ausgiebig mit den Kunstwerken beschäftigen.“ Gleichzeitig ist da der Wunsch bei den vielen Möglichkeiten die FOMO ein bisschen in den Griff zu bekommen.

Marthe Trottnow im Workshopraum vor einer großen Arbeitswand mit Ergebnissen des Character Labs.
Marthe sammelte mit den Teilnehmenden, was sie sich von einem digitalen Companion wünschen und wie sie ein Festival am liebsten erleben.

Ein Dackel auf zwei Beinen und eine Wolke aus Energie

Aus diesen Wünschen entstanden erste Figuren. Die Teilnehmenden legten fest, wer ihr Companion ist, wie er spricht, was er kann und wie er sich gegenüber Besucher:innen verhält.

Zum Beispiel ein Dackel, der ausschließlich auf seinen Hinterläufen läuft. Einfühlsam und entspannt unterstützt er gestresste Eltern, die mit ihren Kindern auf der Ars Electronica unterwegs sind.

Oder ein Drache, der früher in einer Bibliothek gearbeitet hat und aus unbekannten Gründen gefeuert wurde. Hatte sicher nichts mit der in Flammen stehenden Regalwand zu tun. Er kennt die Hintergründe zu den Kunstwerken und hilft Besucher:innen dabei, ihre eigene Interpretation zu finden.

Lynz wiederum trägt Lederhose, ist sehr pünktlich, meistens hungrig und weiß, wo es das beste Essen gibt. Und Cloud ist eine Wolke aus Energie, die unendliche Power hat und mitreißend neue Erfahrungen ermöglicht.

Workshop-Ergebnisse zu den Erwartungen der Teilnehmenden an ihren Festivalbesuch
Lieber Überraschungen oder einen festen Plan? Deep Dive oder schnell weiter? Die Teilnehmenden haben festgehalten, wie sie ein Festival am liebsten erleben.
Ausgefülltes Character Profile für einen digitalen Festival-Companion mit Angaben zu Persönlichkeit, Verhalten und Motivation.
Im Character Profile bekommen die Companions Persönlichkeit, Eigenheiten und eine eigene Geschichte.

Wenn der Character plötzlich antwortet

Bis hierhin existierten die Characters vor allem auf dem Papier. Anschließend wurden sie mit einem von Nils entwickelten Online-Tool in erste dialogfähige Prototypen übersetzt. Das Tool basiert auf der OpenSource Library PEA von Daniel Dembach (https://github.com/dmbch/pea) bzw. den darin enthaltenen Methoden, Papieren und Prompts. „Das hat grundsätzlich gut geklappt“, berichtet Nils. „Dabei hat sicherlich geholfen, dass wir in vorherigen Workshops schon Erfahrungen mit diesem Prozess gesammelt hatten. Außerdem fragt unser Tool nach, wenn etwas nicht leserlich oder verständlich ist.“

Die ausgefüllten Character Profiles nutzt Nils, um sein Tool mit den Ideen der Teilnehmenden zu füttern und daraus dialogfähige Prototypen zu erstellen.

Dann kam der entscheidende Test: Die Teilnehmenden konnten mit ihren eigenen Characters sprechen.

Und genau dabei wurde der Unterschied zwischen einer guten Idee für eine Figur und einem guten KI-Character sichtbar. Auf dem Papier können ein zweibeiniger Dackel, ein feueraffiner Bibliotheksdrache oder eine Energiewolke sofort eine eigene Persönlichkeit haben. Im Chat geht davon manches verloren. Viele der KI-Companions wirkten noch etwas leblos und antworteten schnell generisch.

Für Florian liegt genau darin der Wert solcher frühen Prototypen: „Sie zeigen uns, wo wir weiterarbeiten müssen und welche Fragen wir bisher noch gar nicht gestellt haben.“

Character lässt sich nicht einfach prompten

Eine Figur technisch zum Sprechen zu bringen, macht sie noch nicht zu einem guten Character. „Characterdesign ist immer noch Profi-Arbeit“, sagt Marthe. Sie kann sich deshalb gut vorstellen, solche Companions künftig auch gemeinsam mit Schriftsteller:innen, Regisseur:innen, Designer:innen oder Künstler:innen weiterzuentwickeln: „Mit Leuten, die wissen, wie Figuren Tiefe bekommen und eine eigene Stimme entwickeln.“

Vielleicht liegt genau darin die spannendste Erkenntnis aus dem Character Lab: Je einfacher es wird, eine KI zum Sprechen zu bringen, desto wichtiger wird die Frage, wer da eigentlich spricht.

Team GfG

Nils Penner

Marthe Trottnow

Florian Ullrich