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Nils Penner berät die Kund:innen der GfG zum Thema Webentwicklung mit Schwerpunkten wie digitale Inklusion und Nachhaltigkeit.

Zukunft gestalten

Beteiligung

Inklusiv: Webentwicklung bei der GfG

10. Juni 2024

Inklusion und Nachhaltigkeit – zwei große Begriffe, die wir im GfG-Webentwicklungsteam über unsere Arbeit stellen wollen. Noch sind wir bei der Umsetzung nicht dort angekommen, wo wir gerne wären. Aber wir wollen schon jetzt so viele Menschen wie möglich auf diesen Weg mitnehmen. Kein erhobener Zeigefinger, sondern der Wunsch, dass wir Aufmerksamkeit erzeugen für ein Thema, das diese Aufmerksamkeit verdient. 

Warum sich die Mühe für inklusive und nachhaltige Webangebote immer lohnt und wie beides auch noch mit attraktivem Design zusammengeht, erzählt unser Senior Developer und Überzeugungstäter Nils Penner in zwei Beiträgen. Im ersten Teil zunächst zum Thema Inklusion. 

Inklusion ist kein Minderheiten-Thema 

Bei der Forderung nach Inklusion in der Webentwicklung geht es darum, Seiten und Anwendungen so zu gestalten, dass sie für alle Menschen (mit und ohne Beeinträchtigungen) gleichermaßen zugänglich und nutzbar sind.

Die Begriffe Inklusion und Barrierefreiheit werden daher in der Webentwicklung zu Unrecht im Kontext einer Minderheit gelesen. Denn jede:r von uns kann von diesen Barrieren betroffen sein. Es reicht eine gebrochene Hand, die mir das Bedienen der Maus unmöglich macht, sodass ich Online-Angebote auf einmal nicht mehr wie gewohnt nutzen kann. Oder ich vermehrt auf Online-Angebote angewiesen bin, weil ich durch meine Verletzung stärker an mein Zuhause gebunden bin. 

„Jede:r von uns kann von diesen Barrieren betroffen sein.“

Eine Verpflichtung, die wir für alle sehen 

Für öffentliche Online-Angebote von Institutionen gelten daher zurecht gesetzliche Verpflichtungen. Aus unserer Sicht gibt es aber auch eine ethisch-moralische Verpflichtung, die für alle Angebote greift, also auch für kommerzielle, kulturelle oder soziale.

Ob verpflichtend oder nicht: Wer die Richtlinien zu Barrierefreiheit umsetzt, erhöht automatisch die Zahl der potenziellen Nutzer:innen und Kund:innen und stärkt die technische und inhaltliche Struktur der Website. Allein das wäre schon ein guter Grund, sich dafür auszusprechen, dass diese Prinzipien der Web-Entwicklung immanent sein sollten.

Die Umsetzung fühlt sich oft schwer an 

Leider hat sich an vielen Stellen der Eindruck etabliert, dass die Entwicklung eines barrierefreien, inklusiven Web-Angebots anstrengend, aufwändig und teuer ist. 

Ich nehme mich da gar nicht von aus: Es gab Zeiten, in denen ich grundsätzlich einen Schritt zurück gemacht habe, wenn in einem Briefing die Anforderung Barrierefreiheit an mich herangetragen wurde. Öffentliche Institutionen waren damals als Auftraggebende eher unbeliebt, weil klar war, dass dann barrierefrei abgeliefert werden musste. 

Oft lag es daran, dass Barrierefreiheit nachträglich in bestehenden Seiten umgesetzt werden musste, was zu der Zeit einfach keine dankbare Aufgabe war – besonders weil man es auch noch mit dem unsäglichen Internet Explorer zu tun hatte. 

In den letzten Jahren hat sich einiges getan 

Die damit verbundenen, oft komplizierten Verfahren können wir glücklicherweise als komplett überholt betrachten. Web-Standards und Browser-APIs haben sich weiterentwickelt. Barrierefrei entwickeln ist einfach möglich und sollte die Norm sein. Von Beginn an. 

Früh einsteigen lohnt sich 

Hier liegt eine der Parallelen zur nachhaltigen Gestaltung und Programmierung im Internet: Wenn die jeweiligen Aspekte von Anfang an bei allen Beteiligten und Gewerken mitgedacht werden, integrieren sie sich problemlos, stellen keinerlei Hürden dar und führen zu einem stabileren Produkt. Es werden mehr begründete und weniger geschmacklich getriebene Entscheidungen getroffen. Das Design, der Code und damit die Webseite werden deutlich resilienter und performanter. 

Auch gut für Nachhaltigkeit und SEO 

Die Optimierung auf Barrierefreiheit führt übrigens zwangsläufig auch zu nachhaltigeren Seiten, weil auf einiges Überflüssiges verzichtet wird. Im Vordergrund stehen die Information und ihr Transport. 

Und einen positiven Einfluss auf wichtige Metriken wie die Suchmaschinen-Optimierung hat dieser Prozess auch: Durch die Reduktion verbessert sich die Performance und die Google Scores steigen. Ein HTML-Code mit sauberer Semantik macht beide glücklich: den Screen-Reader und den Google Algorithmus. 

„Form follows Function” 

Im Prinzip steht dahinter eine Rückbesinnung und die Erkenntnis, dass selbstverständlich auch für Websites Grundprinzipien der Gestaltung Sinn ergeben: Form follows function.  

Die Funktion ist (in den allermeisten Fällen) der Transport von Information oder das Benutzen einer Anwendung. Die Form ist eine Mischung aus grafischer Gestaltung und Code. 

Gewisse Standards ergeben immer Sinn 

Werden damit jetzt alle Internet-Seiten gleichförmiger? Meine Antwort: ein klassisches „Kommt drauf an“.  

Wenn es sich um eine informationsgetriebene Seite handelt, ergeben gewisse Standards immer Sinn und die Seite überzeugt durch die Inhalte. 

Bei einem guten Buch würde sich auch niemand beschweren „Och nö, schon wieder auf Papier gedruckt, so groß, dass ich es gut in einer Hand halten kann und mit Schrift, die gut lesbar ist“. 

Nutzer:innen können vieles schon selbst konfigurieren 

Hier hat das digitale, interaktive Netz dann auch dem Buch etwas voraus: Nutzer: innen haben viele Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wie sie eine Seite konsumieren möchten.  

Sogenannte „flags“ wie z.B. „prefers-reduced-motion“ können im Betriebssystem eingestellt und dann im CSS ausgelesen werden. Nutzer: innen, die keine Micro-Animationen möchten, bekommen diese dann auch nicht angezeigt. 

Wir lernen nie aus 

Es ist klar, dass für ein inklusives Internet wir alle gefragt sind – und dass wir dafür immer wieder dazulernen, den Betrachtungswinkel ändern und unsere Annahmen überprüfen müssen.  

Wie essenziell das ist, habe ich erst kürzlich wieder erfahren: Ich war in einer Diskussion zu einer Website zunächst gegen die Integration von “A+ A-”-Buttons, um die Schriftgröße im Browser zu verändern. Einfach weil ich annahm, dass doch sicher jede:r wüsste, dass die Schriftgröße mit Tastenbefehlen verstellbar ist. Das war aber – wie ich im Austausch mit den anderen Projektbeteiligten schnell lernte – ziemlich ignorant: Selbstverständlich gibt es Menschen, die diese Betriebssystem-Mechaniken nicht kennen und nach Buttons auf der Website suchen, wenn sie die Schriftgröße erhöhen möchten.  

„Wir müssen immer wieder den Betrachtungswinkel ändern.“

Ein Ziel auf lange Sicht

An dieser Diskussion lässt sich die eigentliche Herausforderung, Barrierefreiheit umzusetzen, gut veranschaulichen: Zum einen sind es unsere eigenen Biases, die uns blind machen für Barrieren – zum anderen besteht die Gefahr, dass wir durch zu viele Hilfsmassnahmen dem Erlernen der Standards entgegenwirken. Es geht also nicht nur darum, Vorgaben umzusetzen, sondern immer auch darum, inklusive Lösungen zu entwickeln, die die bereits vorhandenen Standards mitdenken.

Bei Funktionen, für die das Betriebssystem eigentlich schon gute Lösungen bereithält – neben der Anpassung der Schriftgröße zum Beispiel die Text-Vorlese-Funktion –, sollten wir darauf hinarbeiten, dass diese zum Standard werden und wir Menschen darin schulen, native Betriebssystem-Möglichkeiten für sich zu nutzen. Schlicht weil sie am ehesten das sind, was wir als eine Form von globalisiertem Standard bezeichnen können. 

Den aktuellen Trend, stattdessen lieber auf JavaScript-Barrierefreiheits-Bibliotheken zurückzugreifen, sehe ich daher auch kritisch – in den meisten Fällen wird damit nur verschlimmbessert: Jede dieser Bibliotheken hat ihre Eigenheiten und erfordert eine nicht unerhebliche Menge zusätzlicher Daten, die geladen werden müssen. Ich hoffe, dass wir hier in Zukunft schlauer sein können. 

Ein kurzes Fazit 

Ich bin überzeugt davon, dass es ein grundsätzlicher Anspruch an die Entwicklung eines digitalen Produkts sein sollte, dass dieses so viele Menschen wie möglich problemlos nutzen können. 

Als Webentwickler:innen können wir hier voran gehen und inklusive Lösungen suchen, anbieten und vorantreiben.

Während international noch immer darum gerungen wird, den Zugang zum Internet als Menschenrecht zu verankern, wollen wir einen Schritt weiter gehen und setzen uns für ein freies UND inklusives Internet ein. Beides gehört für uns untrennbar zusammen. 

„Ein freies Internet und ein inklusives Internet gehören für uns untrennbar zusammen.“

Neue Gesetzliche Regelungen 

Ab Juni 2025 kommt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Dieses Gesetz verpflichtet die Privatwirtschaft zur Umsetzung der EN 301 549. Diese Norm verweist auf die WCAG (2.1). Webseiten und Onlineshops müssen im Wesentlichen nur die WCAG-Richtlinien (Kapitel 9 der EN) befolgen. Entwickler:innen komplexerer Software oder Web-Apps müssen zudem weitere Anforderungen der Norm erfüllen.

Wer sich dazu aufschlauen möchte, dem sei dieser Artikel von gehirngerecht.de empfohlen:
https://gehirngerecht.digital/die-en-301-549-das-relevante-gesetz/ 

Was kann ich als Betreiber:in einer Website nun tun? 

Es gibt online verschiedene gute Quellen rund um das Thema inklusive Web-Entwicklung. Hier ein paar Seiten, die wir als hilfreich erachten: 

Für Alle: 

Die Aktion Mensch erklärt die zukünftigen gesetzlichen Pflichten 
https://www.aktion-mensch.de/inklusion/barrierefreiheit/barrierefreie-website/gesetzliche-pflichten 
Gehirngerecht erklärt alles zu den anstehenden rechtlichen Grundlagen 
https://gehirngerecht.digital/die-en-301-549-das-relevante-gesetz/ 


Für Entwickler:innen: 

IBM Equal Access Toolkit https://www.ibm.com/able/toolkit
Practical Accessibility https://practical-accessibility.today
The A11y Project https://www.a11yproject.com
Inclusive Components https://inclusive-components.design


Audit gewünscht? 

Darüber hinaus bieten wir euch gerne einen kostenlosen Audit, bei dem wir eure Website auf den Prüfstand stellen und Schwachstellen identifizieren. Auf dieser Basis können wir dann gemeinsam über Lösungen und Wege zur Verbesserung sprechen.

 

Kontakt:

Nils Penner
Team Webentwicklung

T 0421 80 71 84 19
penner@gfg-id.de