
Partizipation und Co-Creation
Personas: Gute Angebote entstehen für konkrete Menschen
Wer für Menschen gestaltet, muss wissen, für wen genau. Das klingt selbstverständlich – ist in der Praxis aber komplexer, als es scheint. Zielgruppen sind selten eindeutig, Bedürfnisse verändern sich, und in Entwicklungsprozessen setzen sich schnell die Perspektiven durch, die ohnehin sichtbar, laut oder gut erreichbar sind. Genau hier helfen Personas.
Mit Personas näher an den Menschen
Personas sind fiktive Personenprofile, die Zielgruppen in greifbare Personen übersetzen – mit konkreten Bedürfnissen, Gewohnheiten, Anforderungen, Wünschen und Barrieren. Personas helfen uns dabei, Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus, sondern aus einer gemeinsamen, menschzentrierten Perspektive zu treffen.
Partizipation lebt von verschiedenen Perspektiven
Gerade in partizipativen Prozessen helfen Personas dabei, blinde Flecken sichtbar zu machen. Wer wird mit einem Angebot erreicht und wer nicht? Welche Hürden gibt es? Welche Perspektiven fehlen? So lassen sich Angebote für Inklusion, Inhalte, Ausstellungsideen, Vermittlungskonzepte oder Veranstaltungsformate frühzeitig aus unterschiedlichen Blickwinkeln prüfen.
Im musealen Bereich etwa können sie uns dabei unterstützen, Besucher:innen und Nicht-Besucher:innen besser zu verstehen. Die Methode ist aber nicht auf Museen beschränkt: Sie ist für alle Institutionen und Organisationen interessant, die sich ernsthaft mit den Perspektiven ihrer Anspruchsgruppen auseinandersetzen wollen.



Personas brauchen echte Grundlagen
Gute Personas müssen sorgfältig entwickelt werden. Sie entstehen nicht allein aus Annahmen, sondern auf Basis von Daten, Evaluationen, Beobachtungen, Erfahrungen und dem Austausch mit echten Menschen.
Auch andere Systeme der Zielgruppenforschung wie z.B. Sinus Milieus oder Besuchstypen nach Falck o.Ä. lassen sich mit der Personamethode kombinieren und stärken so die Evidenz.
Wichtig ist außerdem eine klare Zielsetzung: Wofür sollen die Personas genutzt werden? Welche Entscheidungen sollen sie unterstützen? Welche Motivation hat das Team, mit ihnen zu arbeiten?
Zwischen Modell und Realität
Gleichzeitig haben Personas Fallstricke. Sie bleiben immer Modelle und ersetzen keine echten Menschen. Werden sie zu oberflächlich entwickelt, können sie an der Realität vorbeigehen. Werden sie nicht überprüft, verlieren sie mit der Zeit ihre Aussagekraft.
Besonders sensibel ist der Umgang mit Stereotypen: Personas dürfen nicht diskriminierende Annahmen reproduzieren oder Gruppen aus dem Blick verlieren. Deshalb gehören Bias-Awareness, regelmäßige Evaluation und die Ergänzung durch Interviews, Workshops oder andere Beteiligungsformate zu einer verantwortungsvollen Arbeit mit Personas.

Geheimtipp: Lieb haben
Empathie ist ein großer Treiber für Innovation. Wer seine Anspruchsgruppen sympathisch findet, hat auch Lust, etwas für sie zu entwickeln. Gerade bei Zielgruppen, die als schwierig, entfernt oder schwer erreichbar wahrgenommen werden, ist Verständnis der Schlüssel. Gute Personas brauchen immer auch liebenswerte Züge. Das heißt: Macht aus euren nörgelnden Rentnern lieber nörgelnde Rentner, die heimlich Welpen retten.
Beispiele aus unserer Arbeit
Personas kommen in unserer Arbeit in unterschiedlichen Kontexten zum Einsatz.
Für das Deutsche SchifffahrtsmuseumBremerhaven entstanden mit der „Familie Meyer“ greifbare, lebendige Charaktere mit ausführlichen Steckbriefen, viel Hintergrundwissen und liebevollen Beschreibungen. Das Ergebnis: hohe Identifikation, vielseitige Nutzbarkeit, lange Haltbarkeit und ein starkes Potenzial für Storytelling und verschiedene Arbeitsbereiche.

Für das Stadtmuseum Oldenburg entwickelten wir Personas für Besucher:innen und Nicht-Besucher:innen, darunter Ava und Günther. Grundlage waren unter anderem Sinus-Milieus, Erfahrungen aus der Vermittlungsarbeit sowie Erkenntnisse aus Umfragen und Veranstaltungen. Ursprünglich wurden die Personas für die Ideenentwicklung der neuen Dauerausstellung konzipiert. Sie werden aber bis heute weitergenutzt, zum Beispiel für die Entwicklung von Bildungsprogrammen.

Für das Zentrum für Arbeit und Politik entwickelten wir Personas für einen Leitfaden zur Wissenschaftskommunikation. Es ging um wissenschaftliche Infografiken und die Frage, wie unterschiedliche Zielgruppen diese lesen und verstehen. Grundlage waren Workshops, in denen verschiedene Grafiken gemeinsam mit den Zielgruppen getestet wurden.

So klappt die Integration in den Arbeitsalltag
Uns geht es nicht darum, schöne Steckbriefe zu erstellen, sondern wir entwickeln Personas so, dass Teams langfristig und selbstständig damit arbeiten können. Dafür setzen wir auf einen gemeinsamen Entwicklungsprozess, verständliche Vorlagen, praktische Werkzeuge und eine Darstellung, die im Arbeitsalltag präsent bleibt.
Personas machen Teams schneller und helfen bei der alltäglichen Kommunikation. Statt: „Wir brauchen noch ein Angebot für Menschen aus der Boomer-Generation, die einen mittleren Bildungsabschluss haben und dem Nostsalgisch-Bürgerlichen Millieu angehören“, sagen wir „Wir brauchen noch etwas für den lieben Stefan“, und schon wissen alle im Team, welche Aufgabe zu lösen ist.
KI-Personas als Ergänzung
Als Erweiterung unserer Persona-Arbeit entwickeln wir auch KI-basierte Anwendungen. Mit KI-Personas können Teams mit ihren Personas direkt ins Gespräch kommen – und gemeinsam Ideen und Konzepte testen und entwickeln. Auch schwer erreichbare Zielgruppen können so zumindest modellhaft ins Büro geholt und interaktiv eingebunden werden.
Dabei beschäftigen wir uns mit Fragen rund um europäische LLMs, System Prompts, vielschichtige Persönlichkeitsmodelle, die Anbindung an analoge Workshop-Tools sowie passende Interfaces und Infrastrukturen.
Unser Anspruch bleibt derselbe: KI-Personas sollen echte Beteiligung nicht ersetzen, sondern Teams dabei unterstützen, bewusster und inklusiver für ihre Zielgruppen zu arbeiten.

Über die Autorin:
Marthe Trottnow konzipiert und begleitet Co-Creation-, Beteiligungs- und Strategieprozesse. Wenn ihr mehr über den Einsatz von Personas oder partizipative Entwicklungsprozesse erfahren möchtet, sprecht sie gerne an: trottnow@gfg-id.de