
Neue Formen der Beteiligung
Stadtgeschichte zum Mitforschen: ein mobiler Workshopraum für die Werkstatt 20. Jahrhundert
Stadtgeschichte wird greifbar, wenn Menschen sie selbst befragen können. In Kiel entwickelten wir dafür gemeinsam mit oblik identity design und der Werkstatt 20. Jahrhundert einen mobilen Workshopraum. Einen Ort zum Forschen und Diskutieren – mitten in der Stadt.
Drei Wochen Forschungswerkstatt
Drei Wochen lang war dieser mobile Raum an einem zentralen Ort in der Kieler Innenstadt geöffnet. Unter dem Titel #kielerforschen: ‚Wen interessieren schon Straßennamen?‘ ging es um das sogenannte Afrikaviertel in Kiel-Neumühlen-Dietrichsdorf – einen Stadtteil, dessen Straßennamen koloniale Bezüge sichtbar machen und dadurch immer wieder Debatten über Erinnerung, Verantwortung und mögliche Umbenennungen auslösen.
Die Kuratorinnen und Leiterinnen des damaligen Zentrums zur Geschichte Kiels im 20. Jahrhundert hatten ein Beteiligungsverfahren entwickelt, das die Kieler Stadtgesellschaft aktiv in die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Viertels einbindet. Der mobile Workshopraum wurde zum Ort, um dieses Konzept gemeinsam mit den Kieler:innen zu erproben und weiterzuentwickeln.

Mehr als 600 Teilnehmende nutzten den Workshopraum, forschten mit historischen Materialien, diskutierten miteinander und formulierten eigene Positionen zum Umgang mit kolonialen Straßennamen.

Ein Raum, den man wirklich benutzt
Der gesamte Workshopraum ist darauf angelegt, aktiv genutzt zu werden. Helle Holzoberflächen, Whiteboards und mobile Elemente sorgen für eine offene Atmosphäre. Markante Farbakzente und Tape-Art-Grafik bieten Orientierung und durchbrechen die Schwere des Themas, ohne es zu verharmlosen. Post-its, Tapes und abwischbare Stifte machen sichtbar, dass Veränderung erlaubt ist.
Der Gesamteindruck: Hier darf angefasst, verschoben, sortiert, geschrieben, diskutiert und weitergedacht werden. Nichts ist abgeschlossen oder unantastbar. Diese Geschichte ist nicht fertig erzählt.



Eine flexible Infrastruktur für gemeinsames Arbeiten
Vier schmale Caddys auf Rollen bilden das Rückgrat des Systems. Jeder mit einer eigene Aufgabe: Der Begrüßungscaddy führt mit einem Film in Thema und Arbeitsweise ein. Das Ermittlungsarchiv bündelt historische Materialien in Hängeregistern und Akten. Der Literaturcaddy liefert vertiefende Informationen. Ein weiterer Caddy stellt die Arbeitsmaterialien bereit.
Ergänzt werden die Caddys durch mobile magnetische Tafeln auf Staffeleien und Ständern: für die Begrüßung und die Verortung auf der Kieler Stadtkarte, für das Einordnen des Schauplatzes „Afrikaviertel“ und für Notizen, Zwischenergebnisse und Feedback.
Eine flexible Landschaft aus unterschiedlich hohen Tischen ermöglicht ganz verschiedene Arbeitssituationen – von konzentrierter Quellenarbeit bis zu größeren Workshops mit ganzen Schulklassen.
Fragen statt fertiger Antworten
Die Forschungsboxen sind ein weiteres zentrales Werkzeug. Sie bündeln einzelne Themen – im Fall des „Afrikaviertels“ zum Beispiel die Straßennamen – und machen sie bearbeitbar.
Wer eine Forschungsbox öffnet, erhält nicht nur Informationen, sondern immer auch eine Aufgabe: Was lässt sich über diesen Namen herausfinden? Welche historischen Bezüge sind relevant? Welche Perspektiven fehlen? Wie könnte heute mit diesem Namen umgegangen werden?

Citizen Science für die Stadtgeschichte
Die Teilnehmenden können Gutachten schreiben, Zines gestalten oder eigene Forschungsfragen entwickeln. Beteiligung wird nicht auf ein Meinungsbild reduziert, sondern beginnt schon beim Verstehen, Recherchieren und gemeinsamen Einordnen.
Mit dieser zugänglichen Praxis des kollektiven Forschens wird der Gedanke von Citizen Science auf die Stadtgeschichte übertragen.

Vom Archiv zum Gesprächsraum
Eine flexible Landschaft aus unterschiedlich hohen Tischen ermöglicht ganz verschiedene Arbeitssituationen – von konzentrierter Quellenarbeit bis zu größeren Workshops mit ganzen Schulklassen.
Auch für Vorträge, Diskussionen und offene Austauschformate funktioniert der mobile Workshopraum gut. Tafeln, Tische und Caddys können je nach Anlass neu angeordnet werden – zum Archiv, zur Forschungsstation, zur Workshopumgebung oder zum Ort der Debatte.

Zugänge schaffen, ohne zu vereinfachen
Partizipation braucht mehr als gute Absichten. Sie braucht Räume, Materialien, Fragen und Abläufe, die Menschen tatsächlich ins Mitdenken und Mitarbeiten bringen. Diese Anforderungen übersetzt der mobile Workshopraum in Gestaltung.
Bei einem Thema wie der Kieler Stadtgeschichte im Nationalsozialismus stellt sich außerdem die Frage, wie diese Gestaltung für alle offen und einladend sein kann und zugleich der historischen Verantwortung gerecht wird. Der Workshopraum ist flexibel, aber nicht beliebig. Visuell stark, ohne zu überwältigen, und fachlich fundiert, ohne akademisch verschlossen zu sein. Historische Komplexität wird hier zugänglich gemacht, ohne sie zu vereinfachen.
Die Dauerausstellung als nächster Schritt
Für uns war dieser Raum zugleich Testfeld für die spätere Dauerausstellung der Werkstatt 20. Jahrhundert. Wie können wir diese so gestalten dass Beteiligung nicht nachträglich ergänzt wird, sondern von Anfang an Teil des Konzepts ist? Mit den Workshops konnten wir erproben, wie sich Mitforschen im öffentlichen Raum organisieren lässt: Welche Fragen bringen Menschen ins Gespräch? Welche Materialien helfen beim Einstieg in historische Recherche? Welche Aufgaben funktionieren allein, welche besser gemeinsam?

Ein Modell für offene Geschichtsarbeit
Für Museen, Gedenkorte und stadtgeschichtliche Einrichtungen zeigt das Projekt, wie Beteiligung konkret gestaltet werden kann.
Für uns zeigt das Projekt, wie Gestaltung historische Aufarbeitung unterstützen kann: nicht durch Vereinfachung, sondern durch Zugänglichkeit. Der mobile Workshopraum schafft Strukturen, in denen Menschen selbst ins Fragen, Forschen und Diskutieren kommen. So wird Stadtgeschichte nicht nur vermittelt, sondern gemeinsam verhandelt – offen, kritisch und mitten in der Stadtgesellschaft.

Über die Autorin:
Maike Arnold gestaltet Ausstellungen und Räume, die Wissen erlebbar machen und Menschen zum Mitmachen einladen. Wenn ihr mehr über das Projekt oder die Entwicklung solcher Formate erfahren möchtet, ist sie gerne eure Ansprechpartnerin: arnold@gfg-id.de