Zero Waste in Kiel – weniger Abfall, mehr Bewusstsein

05. Dezember 2024

Abfall vermeiden, Ressourcen schonen: Diese Ziele verfolgt Kiel mit dem Zero Waste-Konzept. Zero Waste bedeutet dabei „Null Verschwendung“ und steht für eine umfassende Strategie, die sowohl eine verantwortungsvolle Produktion als auch einen bewussten Konsum umfasst. Mit diesem Vorhaben schließt sich die Landeshauptstadt einer internationalen Bewegung an, die darauf abzielt, einen Beitrag zu einer umweltfreundlicheren Zukunft zu leisten.

Für anderthalb Jahre verband uns eine enge Projektarbeit, in der wir gemeinsam an der kommunikativen Ansprache der Bürger:innen in klassischen und digitalen Medien gearbeitet haben. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf dem Thema Mehrweg und der Förderung nachhaltiger Konsummuster.

Ein Gespräch mit Charlotte Winter und Stefanie Baudis über Strategien, Herausforderungen und Erfolge auf dem Weg zu einer Zero Waste-Zukunft.

Stefanie Baudis

Leitende Projektleiterin bei der GfG

Charlotte Winter

Projektmitarbeiterin des Umweltschutzamtes der Landeshauptstadt Kiel

Warum hat sich die Landeshauptstadt Kiel auf den Weg gemacht, Zero.Waste.City zu werden?

Charlotte: Es gibt einen Dreiklang an Beweggründen, warum Kiel diesen Weg eingeschlagen hat. Zum einen kam aus der Politik der Wunsch, zu prüfen, wie ein solches Konzept aussehen könnte und was umsetzbar ist. Zum anderen war Kiels Rolle als Partnerstadt von San Francisco von großer Bedeutung. San Francisco ist seit Jahrzehnten Vorreiter im Bereich Zero Waste und hat in diesem Bereich unglaublich viel erreicht. Hinzu kommen die zahlreichen engagierten Kieler:innen, die sich für Themen wie Meeresverschmutzung und Littering einsetzen. Kiel ist nicht ohne Grund die Heimat des ersten Zero Waste Vereins, auch der erste Unverpackt-Laden in Deutschland wurde hier gegründet. Viele Privatpersonen haben das Thema aktiv an die Verwaltung und die Politik herangetragen.

Unser Zero Waste-Konzept und unsere Arbeit rund um das Thema Abfallvermeidung hat Kiel deutschlandweit ins Rampenlicht gerückt, sodass andere Kommunen stetig auf uns zukommen. Der Austausch mit ihnen ist für uns dabei besonders wertvoll, da wir voneinander lernen und gemeinsam an Lösungen arbeiten können.

Steffi, die Ausschreibung für das Zero Waste-Projekt hat dein Herz direkt höherschlagen lassen. Warum?

Steffi: Die Themen haben mich einfach begeistert. Ich wollte mich gerne sinnvoll engagieren. Deswegen war ich sofort dabei. Eine schonende Veränderung hin zu Zero Waste ist nachhaltiger, als etwas überzustülpen, das im ersten Moment überfordert. Nur wenn die Motivation von innen kommt, ist die Veränderung langfristig erfolgreich. Dies mit verschiedenen kommunikativen Maßnahmen zu erreichen, war eine spannende Herausforderung.

Welche kommunikativen Maßnahmen wurden umgesetzt?

Steffi: Von Anfang an war klar, dass ein breites Spektrum verschiedener Medien notwendig ist, um das Thema Zero Waste in die Köpfe der Menschen zu bringen. Daneben sollte explizit das Thema Mehrweg groß gespielt werden. Umgesetzt haben wir dies mit einer Out-of-Home-Kampagne und einer starken Präsenz auf Social Media, um kontinuierlich Impulse zu dem Thema zu setzen. Auftakt des Ganzen war die Entwicklung eines Keyvisuals, welches die Bürger:innen anspricht.

Daneben haben wir die Webseite umfassend weiterentwickelt, um das Thema „Kiel geht Mehrweg" attraktiv und zugänglich zu gestalten. Besonders die FAQ´s bieten sowohl Gastronom:innen als auch Verbraucher:innen schnellen Zugriff auf relevante Informationen. Ergänzend wurde ein Stadtplan geschaffen, der Orte sichtbar macht, an denen Abfallvermeidung erlebbar ist – vom Flohmarkt bis zur Materialbörse.

Zusätzlich setzten wir unkonventionelle Maßnahmen um. Sprühlogos auf den Straßen Kiels sorgten für viel Aufmerksamkeit. Ein schöner Kniff war zudem ein Poetry Slam, der Gastronom:innen und Privatpersonen auf kreative Weise zusammenbrachte und so das Thema Zero Waste in den Fokus rückte.

Das Thema Zero Waste soll alle Kieler:innnen erreichen, von jung bis alt. Welche Rolle spielt dabei der Austausch mit den Bürger:innen?

Charlotte: Wir legen großen Wert darauf, mit den Bürger:innen in Kontakt zu kommen und uns mit ihnen auszutauschen. Zum einen möchten wir das Thema Abfallvermeidung und Nachhaltigkeit in die Öffentlichkeit bringen. Zum anderen ist es uns wichtig, ihre Perspektiven aufzunehmen und daraus Impulse für unsere Arbeit zu gewinnen.

Für uns sind Themen wie Abfallvermeidung und Nachhaltigkeit essenziell, weil wir uns täglich damit beschäftigen. Gleichzeitig wissen wir, dass viele Menschen eine andere Lebensrealität haben, in der diese Themen vielleicht nicht so präsent sind. Trotzdem möchten wir Bewusstsein schaffen und zeigen, dass Abfallvermeidung nicht nur einfach sein, sondern auch Spaß machen kann. Oft fehlt es schlichtweg an Informationen. Ein gutes Beispiel ist die Mehrwegangebotspflicht, die seit fast zwei Jahren besteht und Gastronomiebetriebe dazu verpflichtet, Mehrwegoptionen anzubieten. Viele Privatpersonen wissen gar nicht, dass diese Regelung existiert. Solche Themen in die Öffentlichkeit zu tragen und den Austausch darüber zu fördern, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.

Um das Thema Mehrweg bei Gastronomie und Bevölkerung noch sichtbarer zu machen, wurde im Rahmen der Mehrweg-Kampagne die „rasende Reporterin“ ins Leben gerufen. Was steckt hinter dem Format?

Steffi: Gemeinsam mit dem Umweltschutzamt und der dort ansässigen unteren Abfallbehörde sind wir auf Gastronomien zugegangen. Dabei ging es uns nicht darum, die Umsetzung der Mehrwegangebotspflicht zu kontrollieren, sondern vielmehr mit den Gastronom:innen in einen Dialog zu gehen und herauszufinden, wo kommunikative und organisatorische Herausforderungen liegen und wie die Akzeptanz und Nachfrage der Bürger:innen aussieht. Zusätzlich haben wir bei Kieler:innen und Tourist:innen nachgefragt, ob, wo und warum sie Mehrweg nutzen. Bei den verschiedenen Gesprächen sind wir auf sehr viel Offenheit und Mitmachwillen gestoßen.

Dieser Austausch war ein entscheidender Schritt, weil er das Bewusstsein geschärft und Menschen auf Augenhöhe erreicht hat. Vieles wird greifbarer, wenn die Botschaft nicht nur von der Stadtverwaltung kommt, sondern von Menschen. Zusätzlich haben wir einen Aufkleber entworfen, der im Außenbereich der Gastronomiebetriebe signalisiert, dass sie die Idee und das Konzept von Mehrweg verfolgen und sich für mehr Sauberkeit in Kiel engagieren. Ein tolles Signal im Stadtraum.

Was ist euch bei der Kommunikation wichtig?

Charlotte: Uns ist es unglaublich wichtig, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu agieren. Stattdessen möchten wir als Kommune innerhalb unseres begrenzten Handlungsspielraums Rahmenbedingungen schaffen, die es den Menschen erleichtern, nachhaltiger zu handeln. Dabei legen wir großen Wert darauf, positive Erfahrungen zu ermöglichen. Die Menschen sollen selbst erleben können, wie bereichernd es ist, Dinge auszuprobieren und eine neue Beziehung zu Gegenständen aufzubauen.

Ein besonders gelungenes Beispiel dafür war unsere Reparaturkonferenz inkl. Reparaturfestival im Mai. Die Teilnehmenden hatten an diesem Tag die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen und zu erfahren, wie viel Freude und Stolz es bereiten kann, etwas Eigenes zu reparieren. Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit verändert oft die Perspektive auf Produkte und Gegenstände. Genau diese Veränderung ist uns ein zentrales Anliegen.

Worauf seid ihr als Kieler Projektteam besonders stolz?

Charlotte: Auf jeden Fall auf die Mehrweg-Kampagne. Dazu gehört natürlich auch der beklebte Bus, der bald durch die Stadt rollt. Das freut uns alle sehr. Ein Highlight für mich ist es auch immer wieder, wenn ich mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs bin und zum Beispiel unsere Plakate entdecke. Sichtbarkeit für dieses wichtige Thema zu erleben ist großartig – ob im Stadtraum, im Print- oder Onlinebereich.

Das Interview führte Simone Cordes.