Eine große Stele mit der Aufschrift „GeDenkOrt Wewelsburg“ und Informationen in Deutsch und Englisch. Im Hintergrund ist die Fassade eines weißen Gebäudes mit Fenstern und einer Regenrinne zu sehen.
In einem der letzten erhaltenen Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Niederhagen in Wewelsburg (NRW) wurde im Sommer 2024 ein neuer GeDenkOrt eröffnet. Die Gestaltung ist ein Gemeinschaftsprojekt von GfG und oblik identity design.

Kirsten John-Stucke / Über den GeDenkOrt Wewelsburg

09. Dezember 2024

Wenige KZ-Gebäude sind so gut erhalten wie der Seitentrakt der ehemaligen Häftlingsküche des KZ Niederhagen in Wewelsburg. Seit Kurzem ist er für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir haben mit Gedenkstättenleiterin Kirsten John-Stucke über den neuen GeDenkOrt gesprochen.

Porträt einer lächelnden Frau mit blonden Haaren, die eine Brille und eine Halskette aus bunten Elementen trägt. Im Hintergrund sind verschwommen Ausstellungstafeln erkennbar."

Kirsten John-Stucke

Kirsten John-Stucke leitet das Kreismuseum und die Gedenkstätte Wewelsburg. Die Historikerin hat zahlreiche Dokumentationen zur Geschichte der Wewelsburg im Nationalsozialismus und zur Geschichte des KZ Niederhagen veröffentlicht. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Erinnerungskultur und der Neukonzeption der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945.

Frau John-Stucke, der neue GeDenkOrt ist in einem ehemaligen KZ-Gebäude untergebracht, im Seitentrakt der früheren Häftlingsküche. Die Sanierung und Umnutzung war mit viel Aufwand verbunden. Warum wollten Sie diesen Ort so dringend für die Öffentlichkeit öffnen?

Die ehemalige Häftlingsküche ist eines der wenigen Gebäude aus der KZ-Zeit, das noch so gut erhalten ist. Als wir es das erste Mal betraten, nachdem die ganzen neuzeitlichen Einbauten, Kunststoffböden und Wandpaneele entfernt worden waren, glaubten wir unseren Augen nicht: Es waren noch so deutliche originale Bauspuren erhalten. Das wollten wir unbedingt erhalten. Wenn an einem historischen Ort noch originale Gebäude besichtigt werden können, ist das äußerst wertvoll für die pädagogische Vermittlung. Die Besuchenden können sich die früheren Verhältnisse einfach besser vorstellen.

Eine Außenaufnahme des GeDenkOrts Wewelsburg. Im Vordergrund eine Informationstafel mit Text zur historischen Bedeutung des Ortes. Im Hintergrund ist eine gelbe Tür sichtbar, die ins Gebäude führt.
Der GeDenkOrt ist Teil der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-1945. Die nahe liegende Wewelsburg, ein Schloss aus dem 17. Jahrhundert, wurde in der Zeit des Nationalsozialismus von der SS angemietet. Für den Umbau setzte die SS Häftlinge aus dem 1941 gegründeten KZ Niederhagen ein. Nach dem Krieg wurde das Gelände als Lager für Geflüchtete und Vertriebene genutzt.

Auch thematisch ist der neue Ausstellungsort eine Erweiterung.

Wir haben mit dem neuen Gebäude auf dem ehemaligen Lagergelände die Chance ergriffen, zusätzlich zu der Geschichte des Konzentrationslagers auch die späteren Phasen der Weiternutzung darzustellen. Schon während des Krieges kamen Umsiedler:innen in die von der Volksdeutschen Mittelstelle genutzten Baracken, Jungen wurden im Wehrertüchtigungslager für den Kriegseinsatz gedrillt. Nach dem Krieg wurden ehemalige Zwangsarbeitende hier untergebracht und später dann Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien. Wir fanden es wichtig, diese Phasen und auch Lebenswege der betroffenen Menschen unter der Klammer „Zwangsmigration“ zusammenzufassen.

Zwei weiße Informationstafeln mit der Überschrift "Wo bin ich hier?". Im Hintergrund sind farbige Elemente auf den Tafeln sichtbar.
Eine Hand hebt einen blauen Balken mit der Beschriftung "Wehrertüchtigungslager" von einer interaktiven Zeitleiste ab. Im Hintergrund sind weitere Balken in verschiedenen Farben sichtbar.
Zwei Personen stehen vor einem interaktiven Display in einem Raum mit Holzvertäfelung. Eine Person deutet auf den Bildschirm, während die andere zuhört.
Eine rechteckige Informationstafel an einer weißen Wand. Die Tafel zeigt einen Grundriss und einen kurzen Text auf Deutsch und Englisch. Daneben ist eine freiliegende, restaurierte Wandstruktur zu erkennen.
Nahaufnahme einer Wand mit farbigem Tapetenmuster in einem Raum. Der untere Bereich zeigt einen Türrahmen aus Holz sowie einen abgenutzten Holzboden.
 Innenansicht einer Ausstellung mit einer Holzkiste, die Postkarten und Bilder enthält. Eine Postkarte zeigt ein altes Gebäude vor Bäumen.

Bei der Gestaltung der Räume sollte auf Rekonstruktionen verzichtet werden und die Bauspuren aus der Vergangenheit sollten unverstellt bleiben. Wie ging das mit der Installation einer Ausstellung zusammen?

Wir haben den neuen GeDenkOrt in zwei Phasen realisiert. Zunächst haben wir gemeinsam mit Bau- und bauhistorischen Expert:innen einen moderaten Weg gesucht, das Gebäude zu sanieren, ohne zerstörte Bestände zu rekonstruieren oder frühere KZ-zeitliche Zustände zu inszenieren – vorbei ist vorbei. Für den Erhalt des Gebäudes notwendige, aber marode Bauteile wurden ersetzt und dezent hervorgehoben, sodass Besuchende erkennen, dass hier etwas erneuert wurde. Es soll nicht verwirren oder beunruhigen, sondern unsere Vorgehensweise deutlich machen. Einige Wände, an denen keine Spuren mehr lesbar gemacht werden konnten, wurden durch Übermalungen „neutralisiert“ – so konnten die spannenden baulichen Spuren in den Vordergrund gestellt werden.

„Das historische Gebäude selbst ist unser wichtigstes Ausstellungsobjekt.“

Für uns ist das historische Gebäude das wichtigste Ausstellungsobjekt. Für die Ausstellungsinstallation bedeutete dies, dass sie sich in das Gebäude so einfügen musste, dass sie die Wände und baulichen Spuren nicht verdeckt. Deswegen wurde sie in den Raum hineingesetzt.

Zwei Personen betrachten eine Ausstellungstafel mit Text und Bildern. Im Hintergrund befindet sich ein weiterer Raum mit einer beleuchteten Wandtafel.
Eine Person steht in einem Raum mit hölzernem Boden und vertäfelter Decke, umgeben von Tafeln mit Ausstellungsinformationen.

An vielen Stellen wirkt es so, als wären die Dinge oder Möbel aus der Ausstellung dort nur kurz abgestellt worden. Warum diese bewusste Unruhe?

Mit unseren Gestalter:innen Maike Arnold und David Lindemann zusammen haben wir versucht, das Thema „Zwangsmigration“ auch über die Möbel zu vermitteln. Allen Menschen, die von Zwangsmigration betroffen waren, war gemeinsam, dass sie verfolgt und nach Wewelsburg deportiert wurden. Sie wurden in Zügen oder Wagen zusammengepfercht und hatten nur wenig oder kein Gepäck dabei. Der ganze Transport verlief unruhig und hastig. Und auch als sie hier im Lager ankamen, erwartete sie ja kein Wellness-Hotel, sondern bedrängte Enge, Angst vor der Zukunft. Die Ausstellungsmöbel geben diese Unruhe, die Bedrängnis und Angst wieder.

Eine Person läuft an einer Informationstafel mit Text vorbei, während im Hintergrund eine zweite Person durch einen weiteren Raum geht.
Ein Raum mit abgenutztem Holzboden und einer Türöffnung, durch die ein Lesepult sichtbar ist. Das Lesepult steht zentral im Raum, der eine schlichte Wandgestaltung aufweist.
Eine Person in schwarzer Kleidung betrachtet ein Lesepult in einem Raum mit Holzdecke und abblätternder Farbe an den Wänden. Der Raum hat einen abgenutzten Holzboden.
Ein länglicher Raum mit Holzboden und Holzdecke. Entlang der Wände sind Sitzbänke mit lila Polstern und Informationsständern angeordnet. Ein Fenster befindet sich an der Stirnseite des Raums.
Eine Frau und ein Mann sitzen nebeneinander auf einer Bank in einem Ausstellungsraum.
Die Gestalter:innen: Maike Arnold aus dem Team GfG und David Lindemann aus dem Team oblik.

Das Thema Zwangsmigration wird über viele persönliche Lebensgeschichten vertieft. Können Sie uns ein, zwei Beispiele geben, wer diese Menschen sind und wie wir ihnen in der Ausstellung begegnen?

Der Biografienraum mit biografischen Skizzen von den Menschen, die mit dem Barackenlager in Wewelsburg verbunden waren, sind für die Besuchenden besonders interessant. Oftmals finden wir hier Jugendliche, die sich komplett in die Mappen vertieft haben. Es werden Verfolgte, also Opfer der NS-Zwangsmigration vorgestellt, aber auch Täter:innen, Angestellte der Lagerverwaltung oder auch späteren alliierten Militärverwaltung, die in Wewelsburg arbeiteten.

Sehr eindrucksvoll ist die Geschichte der Flüchtlingsfamilie Wieja: ein Vater, der mit 10 Kindern nach Wewelsburg kam. Die Mutter war früh verstorben und der Vater musste nun zusehen, seine Familie zu versorgen. Einige Töchter wohnten und halfen auf den umliegenden Bauernhöfen, andere versorgten den Familienhaushalt. Sie wurden schnell heimisch, doch der Vater hoffte bis zu seinem Lebensende, wieder zurück in seine alte Heimat zu gelangen. Einige der Töchter erzählten uns in Interviews von ihrer Integration hier im Ort. Sie leben auch heute noch in den benachbarten Dörfern.

Eine Holzbox mit Akten über ehemalige Lagerinsassen. Oben ist eine erklärende Übersicht zu den Kategorien der Insassen angebracht.

Ganz anders vielleicht die Geschichte von Mark Weidman, einem polnischen Häftling jüdischen Glaubens, der nur für einige Monate in Wewelsburg war, bevor er ins KZ Ravensbrück weitertransportiert wurde. Er überlebte die KZ-Haft und wanderte Ende der 1940er Jahre in die USA aus. Er nahm das Leben im Konzentrationslager sehr bewusst war und stand uns später für viele Erinnerungsberichte und -interviews zur Verfügung. Von ihm stammen viele Erinnerungen über den Bau des Lagers und den Arbeitsbedingungen. Inhalte, die wir dann auch als Zitate in die Medieneinheit übernommen haben.

Die Frage, wie man mit dem ehemaligen Lagergelände umgeht, ist in Wewelsburg umstritten – nicht alle Anwohner:innen wollen diese Form der Erinnerungskultur. Wie gehen Sie damit um?

Die Frage nach dem Umgang mit dem ehemaligen Lagergelände war in Wewelsburg seit dem Ende des Krieges umstritten. Viele wollten sich nicht daran erinnern, dass dies ein Ort der Verfolgung im Nationalsozialismus war, andere wollten aber auch nicht daran erinnert werden, dass sie zu den Flüchtlingsfamilien gehörten und damit zu den Zugezogenen, den Auswärtigen. „Die im Lager“ war ein Schimpfwort. Es dauerte sehr lange, bis man sich im Dorf darauf einigen konnte, auf dem ehemaligen Lagergelände ein dauerhaftes Zeichen der Erinnerung und des Gedenkens zu errichten. Das Mahnmal wurde erst im Jahr 2000 errichtet, nach einer Initiative von jungen Menschen aus dem Ort, die sich dafür stark gemacht hatten, dass Erinnerung nicht Schuldzuweisung heißt.
 

„Die Erinnerung ist unsere beständige Aufgabe.“

Wir versuchen mit diesen Fragen offen und transparent umzugehen. Es ist wichtig mit den Anwohner:innen zu reden, ihre Ängste zu verstehen und ihnen trotzdem klar zu machen, dass die Erinnerung an die SS-Opfer einen enorm wichtigen Stellenwert hat. Es ist eine beständige Aufgabe, mit der wir uns beschäftigen.

Eine Gruppe von sechs Personen steht vor einem weiß gestrichenen Gebäude mit gelben Türen und Fenstern.
Das Wewelsburger Projektteam auf der Eröffnungsfeier für den neuen GeDenkOrt (v.l.): Reinhard Fromme, Dr. Erik Beck, Kirsten John-Stucke, Dr. Kerstin-Schulte, Jörg Piron, Markus Moors. Foto: Besim Mazhiqi (Kreismuseum Wewelsburg)

Die Ausstellung ist jetzt seit einem knappen halben Jahr für Besucher:innen geöffnet. Was ist Ihr Eindruck, wie wird sie wahr- und angenommen?

Wir haben einen sehr positiven Eindruck. Für viele Besuchende ist es etwas Besonderes, in das historische, „authentische“ Gebäude aus der KZ-Zeit zu gehen und es als solches auch zu begreifen. Vor allem der Keller wird da hervorgehoben, aber auch die Barackenwände und Tapetenreste.

Geöffnete gelbe Holztür in einer Ziegelwand. Der Blick führt in einen Raum mit einer weiteren Tür und einer Tafel mit der Aufschrift „Gebäudeübersicht“.
Ein langer, gewölbter Kellerflur aus Stein mit mehreren Durchgängen und einer Wandtafel auf der linken Seite. Im Hintergrund sind weitere Räume zu erkennen.
Eine Steinsäule mit eingeritzten Strichlisten. Daneben ist eine Metalltafel mit der Überschrift "Strichlisten" angebracht.

Viele Wewelsburger:innen haben den neuen GeDenkOrt seit der Eröffnung mit ihren Familien und Freund:innen besucht, viele erzählen von ihren eigenen Erinnerungen an die Zeit der 1950er und 1960er Jahre. Sie wird wirklich akzeptiert und als eine Bereicherung für den Ort empfunden.

Bei der Eröffnung haben Sie betont, dass Sie sich mit diesem Ort aktuellen Herausforderungen stellen. Welche Wirkung versprechen Sie sich?

Das Thema „Zwangsmigration“ hier im neuen GeDenkOrt öffnet ganz neue Diskussionsmöglichkeiten. Wir leben in einer Migrationsgesellschaft, d. h. viele unserer Besuchenden kommen aus Familien mit Fluchterfahrungen. Dadurch ergeben sich ganz neue Anknüpfungspunkte zur Vermittlung und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Gesellschaft.

Ausstellungselement mit Bildern und Texten an einer Holzwand. Zwei Personen bewegen sich im Hintergrund durch eine offene Tür.
Eine Wand aus Holz mit handgeschriebenen Notizen auf Papierkarten, die an die Wand geheftet sind. Im Hintergrund ist eine Person zu sehen, die an der Wand arbeitet.
Holzrahmenstruktur mit Zetteln an den Wänden, die mit handgeschriebenen Notizen versehen sind. Eine Person steht und arbeitet an der Wand.

Außerdem eröffnet der letzte Raum der Ausstellung neue Fragestellungen. Hier sehen sich die Besuchenden im Spiegel und begreifen sofort, dass es nun um sie selbst geht – um ihre Meinung. Die Idee, dass sie diese mit Post-its formulieren können, geht sehr gut auf.

„Menschen kommen auf ganz einfache Art und Weise ins Gespräch.“

Vor allem die Gruppen schreiben ihre Gedanken auf und kommen miteinander ins Gespräch – auf ganz einfache Art und Weise, viel besser, als wenn wir einen offiziellen Stuhlkreis machten und sie zum Diskutieren aufforderten. Die neue Ausstellung ist so niederschwellig, dass sich die Leute gern mit den Themen und den Schicksalen der Betroffen auseinandersetzen.


Mehr zum neuen GeDenkOrt:

Website Kreismuseum Wewelsburg
www.wewelsburg.de