/// Themen 




Denkorte

Bildung und Forschung

Wer ist hier ver-rückt?

13. Juni 2024

Vor einem Jahr haben wir im Bremer Krankenhaus-Museum die neue Dauerausstellung zur Geschichte der Psychiatrie eröffnet. Ein Lernort, der wichtiger ist denn je, finden unsere Ausstellungsexpert:innen Nadine Ahlers und Carsten Dempewolf.

Die Autor:innen

Nadine Ahlers (r.)  ist Konzepterin und Projektleiterin für Ausstellungen, Innenarchitekturen und Orientierungssysteme.

Carsten Dempewolf ist Geschäftsführer der GfG und Leiter des Fachbereichs Ausstellungs- und Innenarchitektur.

Die beiden haben die Neugestaltung der Dauerausstellung im Krankenhausmuseum von der ersten Ideenskizze bis zur Eröffnung begleitet.

Es geht um eine Grundsatzfrage

Was ist gesund, was ist krank, und wo verläuft die Grenze? Wie wir diese Frage beantworten, beeinflusst grundlegend unsere Identität, unser Miteinander – unsere Gesellschaft.

Und doch ist insbesondere das Thema psychische Gesundheit in der Bildung noch immer Randthema. Wer als psychisch krank gilt, hat daher oft mit Stigmatisierung und Diskriminierung zu kämpfen.

Ein Lernort zur Geschichte der Psychiatrie

Die Dauerausstellung „Wahnsinnig?! Psychiatrie – Gesellschaft – Kunst“ im Krankenhausmuseum am Klinikum Bremen-Ost setzt genau da an: Sie ist ein zeitgemäßer Lernort zum Thema Psychiatrie und psychische Erkrankungen.

Wir nehmen Besucher:innen mit in die Bremer Psychiatriegeschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts über den Nationalsozialismus bis heute. 

Dabei konfrontieren wir sie immer wieder mit der Frage, was „verrückt“ und „normal“ eigentlich bedeuten und wer die Definitionsmacht darüber hat. 

Ja, diese Konfrontation ist manchmal schmerzhaft. Aber notwendig, wenn wir die gesellschaftliche Haltung gegenüber psychischen Erkrankungen verändern wollen.

Wer weitere gute Gründe für einen Besuch möchte – hier ein paar Details zur Ausstellung:

Sieben Themen, viele Zugänge

Wir haben die Ausstellung in sieben Kernthemen unterteilt, die als Stationen über den Raum verteilt und auch durch ihre Farbigkeiten klar unterscheidbar sind.

  • „Wo bin ich hier?“ betrachtet die Geschichte des Klinikums Bremen-Ost. Unter dem Namen St.-Jürgen-Asyl wurde es 1904 ursprünglich als „Anstalt für Geistes- und Nervenkranke“ eröffnet.
  • „Was ist normal? Wer ist normal?“ beschäftigt sich mit Krankheitslehre und Diagnostik und den Zuschreibungen von psychischen Erkrankungen.
  • „Wie kann ich behandelt werden?“ schaut, wie sich Therapien und Behandlungen im Laufe der Zeit verändert haben.
  • „Pflege – Leicht?” setzt sich mit dem Alltag der Pfleger:innen und der Professionalisierung der Pflege auseinander. 
  • „Wann sind Kinder am glücklichsten?” wirft einen näheren Blick auf den Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
  • „Was ist ein Mensch wert?“ widmet sich einem der dunkelsten Kapitel der Psychiatriegeschichte: den Medizinverbrechen der Nationalsozialist:innen.
  • „Einmal ver-rückt, immer ver-rückt?“ beleuchtet erstmals auch die Geschichte der Bremer Heil- und Pflegeanstalten nach 1945.

Zu jedem Thema haben wir Fotografien, Filme, Audios, persönliche Dokumente und ausgewählte Exponate, darunter historische Behandlungsapparate wie ein Elektroschockgerät oder ein sogenanntes „Zwangs-Kleid“, die früher zum medizinischen Standard gehörten. 

Durch die filigrane Struktur der Themeninseln haben wir trotz der Fülle an Objekten und Informationen eine Leichtigkeit reinbringen können.

Es wird persönlich

Es sind vor allem Menschen und ihre persönlichen Geschichten, die wir ins Zentrum der Ausstellung gestellt haben.

Das macht schon der Introfilm spürbar, in dem wir 16 Personen vorstellen, die mit dem Thema Psychiatrie zu tun haben – Patient:innen, Angehörige, Pfleger:innen, Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen.

In der Mitte des Raumes haben wir zwei große Tische mit Sitzmöglichkeiten platziert. Dort können die Besucher:innen in ganz unterschiedliche Lebensgeschichten von Patient:innen eintauchen.

Auch an den Themenstationen stellen wir Menschen vor. Zum Beispiel Paula Kleine (1928-2014), die die Euthanasie überlebte, fast ihr ganzes Leben in Einrichtungen der Psychiatrie und der Behindertenhilfe verbrachte und wenige Jahre vor ihrem Tod noch als Filmschauspielerin bekannt wurde.

Es sind Geschichten wie die von Paula, die berühren, aufklären und den Themen der Ausstellung ein Gesicht geben.

Annähern über die Kunst

Ein Teil der ausgestellten Objekte sind Kunstwerke von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrungen. Sie eröffnen eine weitere sehr persönliche Perspektive auf das (Er)Leben der Betroffenen und ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung und dem Alltag in der Psychiatrie. 

Und sie bezeugen, dass jede Krankengeschichte auch Teil einer einzigartigen Lebensgeschichte ist.

Die Ausstellung „Wahnsinnig?! Psychiatrie – Gesellschaft – Kunst“ im Krankenhaus–Museum am Klinikum Bremen-Ost ist immer mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter: www.kulturambulanz.de

Mit uns zusammen im Team:

Maike Arnold

Maike hat sich zusammen mit den Kurator:innen des Museums alle Objekte ganz genau angeschaut und für jedes einzelne davon den richtigen Platz und die passende Präsentationsform gefunden.

Siena Jakobi

Siena hat sich um das Schrift- und Farbkonzept gekümmert und der Ausstellung mit der Scratch-Schrift „Go around the books“ und einer klaren und sympathischen Farbgestaltung einen modernen Auftritt verpasst.

Dörte Mahlstedt

Dörte hat sich von den mehr als 500 Objekten nicht aus der Ruhe bringen lassen und mit viel Fingerspitzengefühl jede Produktionsdatei angelegt und akribisch kontrolliert. Ihr ist es zu verdanken, dass am Ende alles genauso aussieht, wie es aussehen soll.

Die KulturAmbulanz

Das Krankenhausmuseum ist Teil KulturAmbulanz am Klinikum Bremen-Ost. Die KulturAmbulanz ist ein Lern-, Gedenk- und Kulturort und verknüpft in ihrem Programm Themen und Fragestellungen an den Schnittstellen von Gesundheit/Krankheit, Bildung und Kultur. Sie bringt Bürger:innen, Kulturschaffende und Wissenschaftler:innen zusammen.

Weitere Infos: www.kulturambulanz.de