01. Juli 2019

Marthe Trottnow / Über Design Thinking

Ein Seufzer. „Design Thinking!“ – die Methode ist so Mainstream, dass mittlerweile selbst große Unternehmen ihre Innovationsmanager zur Design Thinking Coach-Ausbildung schicken. Design Thinking – die ultimative Lösung für Gestaltungsprozesse?



Unsere Kollegin Marthe lacht. „Anfangs wollte ich nichts davon hören.“ Marthe Trottnow, Jahrgang 1987, Diplom-Designerin und Scheiter-Expertin, analysierte stattdessen ihr eigenes gestalterisches Vorgehen, zog Verbindungen, sortierte, ordnete zu, stellte Beziehungen her und erstellte Mindmaps. Im Laufe der Zeit verfeinerte die gebürtige Rostockerin ihr Konzept immer mehr. Als sie ihre Analyse schließlich für nahezu vollständig und die Grundstruktur ihres Tuns für hinreichend abgebildet hielt, stellte sie fest: Es war fast deckungsgleich mit den gängigen grafischen Darstellungen der Design Thinking-Methode aber auch anderen Modellen wie UX-Design oder Scrum. Jetzt wollte sie es doch genauer wissen. Entstanden ist ein Ansatz, der bekannte Innovations- und Kreativ-Modelle mit individuellen Lösungen verbindet.

Warum scheiden sich an Design Thinking die Geister?

„Den Hype habe ich zunächst nicht verstanden. Das ganze Thema hat mich aufgeregt und ich war echt genervt. Als Designerin wehre ich mich erst einmal gegen zu eng gedachte Prozesse. Ich hatte was dagegen, dass eine Design Thinking Grafik mir erklären will, wie ich denke und arbeite. Aber ich habe festgestellt, dass gerade die modellhafte Vereinfachung dabei hilft, sich mit dem Prozess der Ideenfindung auseinanderzusetzen und das Wichtigste: Es hilft dabei, darüber zu diskutieren – auch gerne kritisch. Neu ist an Design Thinking im Grunde nichts. Gestaltende wie ich arbeiten schon immer auf diese oder eine ähnliche Weise. Egal in welcher Disziplin, es geht immer darum zu verstehen, was der Unterschied zwischen Ist- und Soll-Zustand ist. Und den Bedürfnissen der Menschen, für die man gestaltet gerecht zu werden. Allein das begründet die Daseinsberechtigung für getroffene gestalterische Entscheidungen. Das bedeutet: Empathie ist die Voraussetzung für Gestaltung. Dabei ist die Herausforderung nicht, ein Problem einfach zu benennen und dann Lösungen dafür zu finden, sondern die Nutzenden wirklich zu verstehen und sich dabei auch von eigenen Annahmen zu lösen. Alleine ist das schon nicht so ganz einfach, aber wenn man im Team arbeitet, kommt eine zweite Hürde dazu: Es gilt sicherzustellen, dass alle Beteiligten die Aufgabe gleich und richtig verstanden haben. Es geht um Synchronisierung und darum immer wieder zu überprüfen, ob noch immer alle über dieselbe Sache sprechen. Im Design Thinking wird diese Herangehensweise für andere Prozesse adaptiert – und dieser Transfer macht die Methode wertvoll. Auch für Innovationsprozesse, die abseits von Design entstehen. Denn wie in allen Gestaltungsprozessen, geht es auch bei Innovationen nicht darum, Dinge neu zu schaffen, sondern darum, sie neu zu denken.“

Was begeistert dich an der Methode?

„Im Grunde sind wir Ideenarchäologen. Kreativität zu steuern ist harte Arbeit. Korsettprozesse und -strukturen sind hilfreich, um differenzieren zu können: Was ist hinderlich und was förderlich? Rahmen geben Sicherheit und öffnen den Raum für eine spielerische Herangehensweise. Ich bin davon überzeugt, dass Freiheit eine durchdachte, simple Struktur erfordert. Design Thinking ist keine starre Methode, eher ein Mindset oder eine kulturelle Haltung. Ein Modell, das man strikt verfolgen KANN, das aber auch dazu einlädt, vom Prozess abzuweichen. Dazu kommt: Kreative Lösungen lassen sich nicht erzwingen, aber die Muse lässt sich einladen. Der physische Raum ist ein wichtiger Faktor, der großen Einfluss nimmt. Durch den räumlichen Wechsel aus meiner alltäglichen Arbeitsumgebung heraus und in unsere iD-Werkstatt hinein, verändert sich mein Denken. Das hat auch viel mit Wertschätzung des Experimentierens zu tun. Leere Wände, Kreide, Kisten, Klötze und Kram – wie ein Raum sein muss, um Ideen zu generieren, lässt sich nicht exakt definieren. Doch bei aller Ernsthaftigkeit und Zielausrichtung, begegnet man Ideen am besten im Spiel.“

 

 

Was bietet die iD-Werkstatt?

„Wissen, wie Gestaltungsprozesse funktionieren, ist das eine. Anderen zu erklären wie sie funktionieren ist hingegen viel schwieriger. Die Lösung ist hier nicht eine dicke Broschüre, eine sexy Infografik oder gar Schulungen, sondern ein Raum, in dem man selbst erleben kann, was wir meinen. In unserer iD-Werkstatt wird sichtbar und erlebbar, was wir als Agentur unter Design Thinking verstehen. Die iD-Werkstatt ist ein Ergebnis aus vielen Jahren Erfahrung und wir entwickeln sie stetig weiter. Die Möbel sind so flexibel, dass sie für fast alle Formate und Methoden geeignet ist – und zwar sofort. Kein Stress mit Aufbau und kein Geschleppe von Moderationskoffern. Wir haben alles vor Ort, was man braucht. Und das Wichtigste: Platz zum Denken!“

Design Thinking made by GfG – was ist das Besondere?

„Wenn ich mit Menschen zusammenarbeite, die ganz anders denken als ich, werden Fragen gestellt, die ich mir selbst nie stellen würde. So entsteht Neues. In der GfG tun wir genau das. Hier trifft sich eine Vielzahl von Menschen unterschiedlicher Disziplinen. Gemeinsam betrachten wir im engen Austausch Herausforderungen, entwerfen Konzepte und bieten Lösungen an. Ideen durchlaufen eine komplexe Entwicklung bis zur Sichtbarkeit und der Umsetzung im Raum. Entstanden ist so eher eine Kultur als eine Methode. Wir experimentieren gerade viel mit Frameworks wie Design Thinking und UX. Das hilft uns, unsere organischen Prozesse greifbarer zu machen. Wir sind ja auch unsere eigenen Nutzer. Was wir in unseren eigenen Entwicklungsprozessen mit unseren Kunden intuitiv tun, reflektieren wir, sodass wir es jetzt auch anderen vermitteln können.“

Warum spielt Scheitern für Dich dabei eine zentrale Rolle?

„Struktur, Raum, Spiel – auch mit dem besten Setting sind und bleiben Ideen unplanbar. Ideenfindung ist nicht unbedingt ein Heureka-Moment! Die Momente, in denen man denkt 'Das ist ja komisch!' oder 'Warum klappt das einfach nicht?' sind viel interessanter. Prototyping beispielsweise nutzt gezielt diese Effekte des Scheiterns, ist quasi die Systematisierung des Fehlermachens. Dieser Prozess ist genau darauf ausgelegt, nicht zu funktionieren. Prototypen sind von Anfang an für die Tonne, genau deswegen werden sie gemacht. Eine wertschätzende Fehlerkultur ermöglicht Innovation – und Scheitern wird zur Methode erhoben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich habe in meiner Diplomarbeit dazu gearbeitet und man könnte mit dem Thema noch 10 Ausstellungen, 30 Interviews und tausende Bücher füllen. Alle haben eine Geschichte zum Thema Scheitern zu erzählen und jede ist anders. Warum scheitern Hashtag-Kampagnen so oft? Was ist dran an Ratgebern, die Erfolg durch Scheitern versprechen? Was hat Design mit Demokratie zu tun? Wieso sind viele Consulting-Ansätze nicht nachhaltig? Fragt mal im Kollegium rum – es lohnt sich!“

Das Gespräch führte Anja Rose.



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